Was ist Glück? Franz-Joseph Huainigg im kobinet-Gespräch

Vor der Heimreise heute nach Wien hat Franz-Joseph Huainigg im kobinet-Gespräch seine Rede auf dem Empfang des Bundesbehindertenbeauftragten Hubert Hüppe in Berlin bekräftigt.

Hüppe, Merkel, Huainigg in Berlin
Deischl, Berlin

Der 44-jährige promovierte Germanist, Behindertensprecher der Österreichischen Volkspartei im Nationalrat, erhielt gestern Abend viel Beifall bei seinem „ersten Wort“ auf diesem Empfang.

kobinet: Sie haben hier ein sehr persönliches Plädoyer für selbstbestimmtes Leben als politisches Programm der Behindertenbewegung gehalten. Was ist Glück?

Huainigg: Für viele bedeutet Glück ein superschnelles Auto zu fahren, die neue Designermode zu tragen oder einen Berggipfel erklommen zu haben. Vielleicht auch endlich sterben zu dürfen? Für mich ist Glück, einen Elektrorollstuhl zu fahren, als Halsschmuck den Schlauch der Beatmungsmaschine zu tragen, mit einer Atemkanüle „made in Germany“ zu atmen, mit meiner neunjährigen Tochter „Mensch ärgere dich nicht“ zu spielen und mit meiner Familie leben zu dürfen.

kobinet: Vielleicht auch endlich sterben zu dürfen?

Huainigg: Es gibt immer öfter Medienberichte über beatmete Patienten wie mich, die den Wunsch haben zu sterben. Wochenlang gab es Sensationsmeldungen über den Italiener Pier Giorgio Welby, der Ärzte aufforderte, seine Beatmungsmaschine endlich abzuschalten und seinem untragbaren Leben ein Ende zu setzen. Schließlich ist ein Arzt diesem Wunsch nachgekommen. In Polen kämpft der 32-jährige beatmete Janusz Switaj um sein Recht sterben zu dürfen. Ich hab ihn per Mail gefragt: „Was müsste passieren, damit Sie wieder Freude am Leben haben?“ Er schrieb zurück: „Eine kleinere Beatmungsmaschine, damit ich mein Bett verlassen kann, einen Job und Assistenz, die mir ein selbstbestimmtes Leben ermöglicht.“ Die Rahmenbedingungen sind für die Lebensqualität ausschlaggebend.

kobinet: Wie sind diese Rahmenbedingungen heute in Europa beschaffen?

Huainigg: Wenn wir ehrlich sind, ist es für 90 Prozent der Bevölkerung selbstverständlich, wofür behinderte Menschen tagtäglich kämpfen müssen: Besuch des Kindergartens und der Schule, mit Bus und Bahn zu fahren, einer Arbeit nach zu gehen und eine Familie zu gründen. Aber ein selbstbestimmtes Leben ist für die europäische Behindertenbewegung das politische Programm. Die UN-Konvention für die Rechte behinderter Menschen gibt hier die Zielsetzung vor: Gleichberechtigte Teilhabe in Kindergarten, Schule und Beruf. Persönliche Assistenz zur Umsetzung eines selbstbestimmten Lebens. Und beispielsweise das Recht auf Leben – auch schon vor der Geburt! Das sind Rahmenbedingungen, die Menschen mit Behinderung zurecht einfordern und deren Umsetzung nur in Zusammenarbeit mit Betroffenen auf gleicher Augenhöhe gelingen kann! Das Bild vom bemitleidenswerten behinderten Menschen, dem man vor allem helfen muss, seinem „untragbaren“ Leben ein Ende zu setzen, ist komplett zu revidieren. Erlösung sieht anders aus. Nicht der Mensch ist behindert, er wird behindert.

kobinet: Können völlig gelähmte Menschen überhaupt glücklich sein?

Huainigg: Die Universität Lüttich hat in einer Studie Menschen mit ALS und Locked-In-Sydrom befragt, ob sie glücklich sind. Das erstaunliche Ergebnis: drei Viertel der Befragten gaben an, dass sie mit ihrer Lebenssituation ebenso zufrieden sind wie gesunde Menschen. Ausschlaggebend sind dabei soziale Kontakte, Beziehungen, Pflege und eine aktive Teilhabe am Leben, sowie die Kommunikation, die oft mit Hilfe von Computern durchgeführt wird. Man erinnere sich an das Buch „Schmetterling und Taucherglocke“ von Chefredakteur Jean-Dominique Bauby der französischen „Elle“, der über Augenzwinkern mit seiner Umwelt kommunizierte und sein Buch diktierte.

Es ist daher meine tiefste Überzeugung, dass wir keine Euthanasiegesetze brauchen. Es geht nicht um selbstbestimmtes Sterben, es geht um ein selbstbestimmtes Leben! Für mich sind Euthanasiegesetzgebungen mit dem Wertekanon Europas absolut nicht zu vereinbaren.

kobinet: Vielen Dank für das Gespräch. Guten Heimflug nach Wien! (Die Fragen stellte Franz Schmahl)

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