Viel Zeit ist vergangen

Was wir uns zum 50er wünschen – weil wir es zum 40er nicht bekommen haben

Brigitte Haberstroh ist HTL-Lehrerin, Eibischzuckerl-Redakteurin und reisefreudige Partnerhundeführerin. Martin Ladstätter, Gründungsmitglied des ersten österreichischen Zentrums für Selbstbestimmtes Leben (BIZEPS) und Internetfreak.

Zwei Rollstuhlfahrer in der Mitte des Lebens nehmen ihren Geburtstag zum Anlass, über ihre Bedürfnisse zu reflektieren und wie man mit diesen in Österreich umgeht.

Was ihnen gemeinsam ist: Sie sind beide auf einen Rollstuhl angewiesen, sie „sitzt“ erst seit 10 Jahren, er seit 17 Jahren. Anlässlich ihres Vierzigers schreiben sie ihre Visionen für ein behindertengerechtes Leben auf. Es sind keine Träume, keine unerfüllbaren Wünsche. Jeder der nachstehenden Punkte ist in anderen Staaten in ähnlicher Form bereits Alltag. Man muss nur über den Tellerrand hinausschauen …

  1. Wunsch: ORF. Ich wünsche mir mehr behinderte Mitarbeiter und Servicesendungen für behinderte Menschen im ORF. Außerdem gibt es noch viel zu wenig Untertitel und es fehlt ein Gesetz, wo drinnen steht, wann der ORF 100 % untertiteln muss. Das öffentliche Fernsehen muss dringend weg von der Mitleidmasche und – wie im Sportbereich schon teilweise erfüllt – aktive behinderte Menschen zeigen.
  2. Wunsch: Persönliche Assistenz. Ich wünsche mir österreichweit einheitliche Standards für Persönliche Assistenz und dass behinderte Menschen einen Rechtsanspruch darauf haben. Damit erhalten sie ausreichend Geld, um sich benötigte Hilfe selbst zu organisieren und finanzieren zu können. So können sie selbstbestimmt leben und aktiv an der Gesellschaft teilnehmen.
  3. Wunsch: Pflegegeld. Ich wünsche mir, dass das Pflegegeld mit der Inflationsrate wertangepasst wird und zusätzlich bei nachweisbarem Mehrbedarf erhöht wird. Ein Rechenbeispiel gefällig? Dividiert man das Pflegegeld für die Stufe 4 durch die dafür erforderlichen Pflegestunden, erhält man ungefähr EUR 3,60 pro Stunde. Dafür finden Sie nicht einmal einen Schwarzarbeiter. Die restlichen Mehrausgaben wie Pflegematerial, Therapiekosten usw. finden hier keine Berücksichtigung, die kann man höchstens als Besserverdienender von der Steuer absetzen.
  4. Wunsch: Gehsteige. Ich wünsche mir, dass an jeder Kreuzung die Gehsteigkanten so abgeschrägt sind, dass ich als Rollstuhlfahrer alleine die Straße queren kann. Erwin Riess, der selbst davon betroffen ist, hat die momentane Situation in Wien in seinem Buch „Herr Groll erfährt die Welt“ wie folgt geschildert: „…, und wenn das gegenwärtige Tempo der Abschrägungen beibehalten wird, dann wird der Bereich innerhalb des Gürtels bereits im Jahr 2470 durchgehend für Rollstuhlfahrer befahrbar sein.“
  5. Wunsch: Reisen. Ich wünsche mir, dass ich mit der ÖBB spontan und so fahren kann, wie jeder andere Reisegast auch. Dass ich keine Arztbestätigung brauche, um von der Fluglinie befördert zu werden. Und dass wir als eigene Kundengruppe im Tourismus gesehen werden. Noch immer glauben viele Gastronomiebetriebe, dass das Rollstuhlzeichen andere Gäste abschreckt. Geeignete Zimmer findet man in Österreich meist nur in den teuren Kategorien, zentrale Informationen über Rollstuhleignung gibt es nicht, Tourismusbüros sind mit derartigen Fragen überfordert.
  6. Wunsch: Parken. Ich hätte gerne, dass nichtbehinderte Menschen die Behindertenparkplätze respektieren und nicht immer eine Ausrede parat haben, warum sie „gerade heute“ und „eh nur kurz“ den Parkplatz besetzen.
  7. Wunsch: Mitmenschen. Ich wünsch mir, dass ich in Geschäften grundsätzlich auch angesprochen werde und nicht jene Personen, die mit mir einkaufen.
  8. Wunsch: Ich wünsche mir viele behinderte Menschen, die für ihre Rechte kämpfen und auch die Pflichten akzeptieren (z. B. für etwas zu bezahlen). Weiters wünsche ich mir ein verbessertes Behindertengleichstellungsgesetz, das Rechte wirklich garantiert.

Aber mit dem Wünschen ist es so eine Sache. Kaum fängt man damit an, fallen einem laufend neue Wünsche ein. Auch diese Liste ist nicht vollständig und den beiden fiele noch eine Vielzahl von weiteren wichtigen und notwendigen Verbesserungen ein. Sie werden auf jeden Fall auch in den nächsten 10 Jahren ihren Teil dazu beitragen, damit ihre Wünsche in Erfüllung gehen werden, und hoffen auf viele Mitstreiter.

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0 Kommentare

  • Alles Liebe und Gute euch beiden – vermutlich schon nachträglich … – aber nicht weniger herzlich zu euren Geburtstagen, liebe Brigitte, lieber Martin! Knuddel euch fest und streite mit euch, wohl bis zum Umfallen.

  • Ich wünsche euch alles gute zum Geburtstag. Weiterhin viel Erfolg für den Kampf.

  • Alles Liebe und Gute zu Euren Geburtstagen! Feiret trotzdem schön und macht weiter so. Eure Wunschliste unterschreibe ich (15 Jahre Rolli) sofort!

  • HERZLICHST ALLES GUTE und vielen dank für ihre jahrelangen Bemühungen! und was ich ihnen, mir und allen wünsche: dass Menschen etwas zahlen KÖNNEN, weil die Gesellschaft ihnen faire (finanzielle und gesellschaftliche) Rahmenbedingungen zur Verfügung stellt – vielleicht einmal auch dank ihrer Initiative!

  • Ales Gute zum Geburtstag, ärgert euch nicht so viel, die Sonne scheint für alle, auch die unbehinderten Dummköpfe …

  • ***Wunsch: Ich wünsche mir viele behinderte Menschen, die für Ihre Rechte kämpfen und auch die Pflichten akzeptieren (z. B. für etwas zu bezahlen). … ***

    Das wäre auch mein größter Wunsch. Ich wünsche mir mehr Selbstbewußtsein für die Betroffenen, dass sie nicht immer die „Nichtbehinderten“ für ihre Lage verantwortlich machen. Dass man das schätzt, was bereits erreicht wurde und nicht immer noch mehr Forderungen laut werden. Ich wünsche mir, dass nicht dauernd über Integration gesprochen, sondern zur Abwechslung mal gelebt wird. Das verlangt auch Toleranz und Akzeptanz von auch den Betroffenen.

    Ich wünsche mir mehr Zusammenarbeit von Vereinen und Organisationen. Immerhin ziehen sie ALLE am selben Strang. Sie sollten sie mehr um ihre Klienten und ihre eigentlichen Werte kümmern, als um Fördergelder und eine gefakte Statistik. Ich wünsche mir mehr Toleranz und Akzeptanz innerhalb der Behinderten, sodass Chancengleichheit tatsächlich möglich wird. Ich wünsche mir Gebärdensprache für jedes Schulkind, sodass Sprachbarrieren leichter überwunden werden können.

    Ich wünsche mir, dass Barrierefreiheit im Netz keine „Modeerscherinung“ ist, sondern eine natürliche Art der Intormationsvermittlung. Mensch, hamma denn scho‘ Weihnachten?