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Text: Martin Ladstätter · 10. Juli 2010 18:04 Uhr

Karoliny: "Ich bin hineingewachsen in ein Menschenrechtsdenken"

Am 15. Juni 2010 erhielt Klaudia Karoliny den ORF-Greinecker-Preis für Zivilcourage 2010 im ORF-Atrium am Küniglberg. Sie wurde als "kompromisslose, aber dialogbereite Streiterin" mit "Mut im Alltag" ausgezeichnet.

Klaudia Karoliny

Der "Greinecker Preis für Zivilcourage" wurde 1985 gestiftet und heuer zum 23. Mal vergeben. (Siehe Fotos)

Im BIZEPS-INFO Interview erläuterte die Oberösterreicherin, was sie unter Zivilcourage versteht und berichtete, wie sie zur Selbstbestimmt-Leben-Bewegung kam. Die Preisträgerin erzählte auch, warum sie "ein bisschen stolz" auf sich ist und wofür "sie keinen Nerv" hat. Das Interview führte Martin Ladstätter.

BIZEPS-INFO: Du hast einen Preis für Zivilcourage gewonnen. Was bedeutet für dich persönlich Zivilcourage?

Klaudia Karoliny: Unter Zivilcourage verstehe ich, den Mund aufzumachen, wenn es sein muss und nicht nur für sich selbst einzutreten.

BIZEPS-INFO: Warum glaubst du, dass du den Preis gewonnen hast?

Klaudia Karoliny: Ich glaube, es war ein glücklicher Zufall - nicht mehr und nicht weniger.

Worauf bist du stolz?

BIZEPS-INFO: Man kennt dich in der Selbstbestimmt-Leben-Bewegung als langjährige Kämpferin für die Rechte behinderter Menschen. Worauf blickst du gerne zurück und bist auf das Erreichte auch ein wenig stolz?

Klaudia Karoliny: Ich blicke vor allem gerne darauf zurück, wie ich selbst an der Selbstbestimmt-Leben-Bewegung gewachsen bin, mich als mündige Bürgerin entfalten konnte mit Behinderung. Ich war damals noch so jung, wie ich dazugestoßen bin und wurde derart gut und natürlich von anderen Vorbildern unterstützt, immer wurde ich auch wertgeschätzt, bei allem Kleinen, was ich übernahm (z.B. Versand und Verlag von der Zeitung LOS).

Viele KollegInnen möchte ich da aufzählen und gleichzeitig will ich niemand vergessen - ich lasse es deshalb. Ich bin hineingewachsen in ein Menschenrechtsdenken und was es dafür braucht. Alle haben wir damals "spintisiert" und geträumt, aber auch vieles angezettelt und über Jahre verfolgt.

Und jetzt gibt es die Pflegevorsorge (sprich: das Pflegegeld), es gibt Anti-Diskriminierungsgesetze in den Ländern und ein bundesweites Bundes-Behindertengleichstellungsgesetz, auch wenn dieses (immer noch) zahnlos und längst überarbeitungsbedürftig ist.

Und überall war ich mehr oder weniger eingebunden, bei manchem an vorderster Front dabei. Jetzt, wo ich Preisträgerin bin und mir Zeit genommen habe, darüber nachzudenken, bin ich schon ein bisschen stolz - auch auf mich.

"Gehakt hat es ..."

BIZEPS-INFO: Welche thematischen Auseinandersetzungen verliefen (bisher) eher nicht nach deinem Geschmack? Wo war die Selbstbestimmt-Leben-Bewegung noch nicht so erfolgreich?

Klaudia Karoliny: Gehakt hat es sicher beim Bundes-Behindertengleichstellungsgesetz, wo die ÖAR eine andere Sichtweise vertrat als die Selbstbestimmt-Leben-Bewegung. Die ÖAR wird als Interessenvertretung behinderter Menschen angesehen, derweil ist sie vor allem eine Organisationenvertretung. Das ist für mich ganz was anderes.

Wir in Oberösterreich, aber es ist vielleicht auch anderswo so, finden leider nur punktuell zueinander, was die verschiedenen Behinderungsgruppierungen angeht, obwohl wir so vieles gemeinsam ertragen, wie Diskriminierungen dort und da. Das finde ich schade, dass uns da nicht mehr Zusammenarbeit gelingt, wenn es um Wichtiges geht.

Wie hat es begonnen?

BIZEPS-INFO: Wie bist du zur Selbstbestimmt-Leben-Bewegung gekommen? Was hat dich motiviert mitzuarbeiten?

Klaudia Karoliny: Ich weiß es nicht mehr genau. Auf jeden Fall war mein Weg vorbestimmt. Ich war auf der Suche nach sowas wie Normalität und dabei bin ich auf gute Leute gestoßen, die verstanden haben, worum es mir geht - eigentlich überall. Ich habe immer klar und deutlich gesagt, was ich will und nicht will und die Leute mochten und unterstützten mich. Und so kam ich zur Selbstbestimmt-Leben-Bewegung und das war und ist toll!

Warum Klaudia Karoliny keine Politikerin ist

BIZEPS-INFO: Warum bist du nie groß in die Parteipolitik eingestiegen?

Klaudia Karoliny: Weil ich die Nerven nicht dafür habe und weil ich mich nicht mundtot machen lasse. Behindertenpolitik geht jede Partei etwas an und da will ich mitreden können zu jeder Zeit. Das ist mein Ding. Wenn mann/frau sich zu einer Partei bekennt, ist er/sie schon gefangen und hat dort die Kämpfe auch noch in den eigenen Reihen.

Jetzt bin ich zwar schon etwas taktisch klüger und ruhiger, nur kann ich jetzt körperlich nicht mehr, nervlich immer noch nicht. Ich trauere meiner Nicht-Karriere nicht nach, aber sie ist geprägt aus der Vergangenheit und meinen nicht gemachten Erfahrungen, die nicht nachzuholen sind, wenn die Zeit vorüber ist. Ich verkümmerte in KH und Heimen.

Nächste Ziele

BIZEPS-INFO: Welche Themen beschäftigen dich derzeit und was möchtest du in den nächsten 5 Jahren erreichen?

Klaudia Karoliny: Ich arbeite am Vorantreiben einer bundeseinheitlichen Persönlichen Assistenzregelung für Menschen mit Behinderungen in allen Lebensbereichen mit und engagiere mich mit Vehemenz an der Verbesserung unseres sog. Oö. Chancengleichheitsgesetzes, das mir natürlich besonders am Herzen liegt, weil dort Menschen mit Behinderung Tag für Tag zum Sozialfall GEMACHT werden.

Chancengleichheit ist ein schönes Wort... - nur wir sind weit davon entfernt. Gleichzeitig sind wir von der Selbstbestimmt-Leben-Initiative bemüht, junge Menschen mit Behinderung für die Selbstbestimmt-Leben-Bewegung zu interessieren und zu gewinnen. Weil es geht um unser Leben und wenn wir nicht darauf schauen, fährt der Zug - schneller als uns lieb ist - nach rückwärts.

BIZEPS-INFO: Nochmals Gratulation! Danke für das Interview.

Weitere Informationen:
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  FORUM - Ihre Meinung zum Artikel:



 


 
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Klaudia Karoliny · 14. Juli 2010 15:02 Uhr

Vielen Dank für alle lieben Gratulationen die über BIZEPS einlangten und auch bei mir privat. Es freut mich jede einzelne Reaktion ungemein.

Otto Anlanger · 12. Juli 2010 11:53 Uhr

Herzlichen Glückwunsch! Schön, dass Du Dich noch an unsere LOS-Zeiten erinnerst. Wenn Du wieder in Wien oder Gmunden bist - melde Dich bitte: 0699 81335393 Liebe Grüß Otto A.

marlies sutterlüty · 12. Juli 2010 10:57 Uhr

liebe claudia, herzlichste gratulation zur verdienten auszeichnung! ich habe dich vor vielen, vielen jahren als kämpferische, realistische und sympathische frau kennengelernt. Du hast in allen belangen der emanzipation von menschen mit behinderung mitgemischt, ja, eine tragende rolle gespielt und viele große und kleine erfolge miterrungen. Darauf kannst du nicht genug stolz sein! Ich wünsche dir für die zukunft neben "starken nerven", humor, freude und die sicherheit, dass "die jungen" mit viel elan deinem/eurem vorbild folgen werden.

gabi Pöhacker · 12. Juli 2010 10:49 Uhr

Meinen herzlichen Glückwunsch Karoliny! Und - keine falsche Bescheidenheit:"Ehre wem Ehre gebührt". Ich bin gerne bereit, was zu tun für mehr und bessere Zusammenarbeit österreichweit.

riess erwin · 12. Juli 2010 07:42 Uhr

Klaudia ist zu bescheiden. sie ist seit vielen jahren eine zentrale persönlichkeit der selbstbestimmt-leben-bewegung, immer in vorderster reihe, wenn es um die anliegen behinderter menschen geht. besonders wichtig erscheint mir ihr einsatz gegen eine paternalistische, bevormundende politik. ich hätte ihr am liebsten den alternativen nobelpreis für zivilcourage verliehen. herzlichen glückwunsch!

sandra · 11. Juli 2010 07:53 Uhr

Das Interview ist super und man hat das Gefühl, dass Frau Klaudia Karoliny wirklich ihren Erfahrungsstandpunkt vertritt und dass sie dadurch dass sie damit auch sovielen anderen Menschen hilft ohne einer Partei anzugehören noch viel verändern kann im Pflegethema. Weiter so! Herzliche Gratulation!

Wolfgang Skowronek · 10. Juli 2010 23:43 Uhr

Herzlichen Glückwunsch

sandra · 10. Juli 2010 22:13 Uhr

Auch ich habe persönlich schon öfter als einmal das Gefühl gehabt, dass sich viele Organisationen gegeneinander ausspielen so nach dem Motte:

Wie kann man mit Betroffenen Menschen mehr verdienen?

Traurig, dass nicht ein Zusammenhalt stattfindet.

Würden alle Organisationen an einem Strang ziehen und Betroffene somit mehr Auswahlrecht haben, welche Org. sie als "Dienstleistungsbetrieb" engagieren- ich formuliere es bewusst so- würde sich jeder schläunigst Gedanken machen (müssen), was und wie alles verbessert werden könnte.

Jetzt erscheint es uns noch so: "Ihr müsst nehmen was es gibt, denn wenn wir als Organisation eben nur bis Freitag spätestens 18 Uhr unsere Dienste anbieten und niemand sonst- seid ihr eh sowieso auf uns angewiesen"

Wann geht es endlich in die Köpfe aller, dass noch soviel verbesserungswürdig wäre, lässt uns Betroffene endlich auch mitreden! Wir wissen was wir brauchen, nicht ihr!(auch wenn ihr es uns so einreden wollt!)

anonym · 10. Juli 2010 19:17 Uhr

"Wir in Oberösterreich, aber es ist vielleicht auch anderswo so, finden leider nur punktuell zueinander, was die verschiedenen Behinderungsgruppierungen angeht" ist absolut korrekt und erschreckend. Nur gemeinsam kann es wirklich gehen .. .Ansonsten spielt man nicht zuletzt (politisch) die unterschiedlichen Gruppen einander aus ...

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