5 Situationen, die Menschen ohne Behinderung nie erleben, ich aber schon – ein Kommentar

So wird zum Beispiel eine blinde Frau ungefragt von einem Passanten über die Straße getragen.

Ein Cartoon. Eine Frau mit gelber 3 Punkt Armschleife und weißem Langstock steht an einer Ampel, sieht aber weg von der Straße. Es ist grün. Unter der Ampel hängt ein oranger Mistkübel mit einer gezeichneten Biene. Ein kleiner Mann mit Kappe steht neben der Frau
ruthe.de / Aktion Mensch

Ein rund 3-minütiges YouTube-Video zeigt 5 Alltagsituationen, die Menschen mit Behinderungen bekannt vorkommen, die aber Menschen ohne Behinderung nie erleben werden. Bei mir wurden Erinnerungen wach.

Die Animation des Autors, Musikers, Filmemachers und Cartoonisten Ralph Ruthe ist zunächst einmal zum Schmunzeln, ich als Rollstuhlfahrerin erkannte einige Dinge wieder. Das YouTube-Video zeigt 5 Situationen, die Menschen ohne Behinderung nie erleben.

So wird zum Beispiel eine blinde Frau ungefragt von einem Passanten über die Straße getragen. Ein Mann mit Armprothese wird von einer Frau überschwänglich dafür gelobt, dass er trotz seiner Behinderung ganz alleine Einkaufen geht. Das sind nur 2 der 5 Beispiele, ich möchte nicht alle beschreiben, man sollte sich das Video selbst ansehen.

Video

 

Das YouTube Video gibt es in Deutscher Gebärdensprache sowie mit Audiodeskription für blinde und Sehbehinderte Menschen.

Ja, das gibt es wirklich

Viele von Ihnen, die sich das Video ansehen, denken jetzt vielleicht, die dargestellten Situationen wären überzeichnet, aber im Alltag von Menschen mit Behinderungen sind sie Realität. Zunächst ein paar ähnliche Beispiele aus meinen Erlebnissen als Rollstuhlfahrerin:

  • Lob für alltägliche Dinge
    Ich war in der Disco. Jemand schaut mich fasziniert an und macht sogar ein Foto. Ich bin verwundert, denke aber zunächst, er will mit mir flirten oder es liegt an meinem gelungenen Outfit. Aber leider ist es anders. Denn der Mann kommt schließlich auf mich zu und sagt mit voller Überzeugung: „Toll, dass so ein Mensch wie du auch rausgeht. Ich an deiner Stelle würde mir das nie trauen. Ich habe dich fotografiert, weil ich das dokumentieren muss. Ich kenne nämlich jemanden, der ist ein ziemlicher Stubenhocker, für den ist das bestimmt eine wahnsinnige Inspiration, dass selbst ein Mensch wie du…“
    Ab jetzt ist die Situation nur noch peinlich. Von einer normalen Discobesucherin bin ich ungewollt zu einem Inspirationsgeber geworden. Solche Situationen, die ich mit „toll, dass du das trotzdem“ umschreiben würde, kenne ich zur Genüge. „Toll, dass du trotzdem studiert hast“, „toll, dass du rausgehst“, und „toll, dass du trotzdem auf dein Aussehen achtest“. Ich vermute, dass die Leute solche Sätze als Kompliment meinen. Das sind sie aber nicht. Es sind Beispiele für positive Diskriminierung. Den Menschen verursacht das Zusammentreffen mit mir irgendwie ein Gefühl der Unsicherheit und sie sagen etwas scheinbar extrem Positives, um das zu überspielen.
  • Die aufgedrängte Hilfe
    Zunächst einmal muss gesagt werden, dass Personen helfen möchten, ist prinzipiell nichts Schlechtes – nur bitte vorher nachfragen und nicht einfach den Rollstuhl nehmen und loslegen. Denn das kann auch zu Unfällen führen, obwohl es gut gemeint ist.
    Und vielleicht möchte ich ja gar nicht in die U-Bahn einsteigen. Ja, und ich kenne auch einen blinden Mann, der tatsächlich einmal in die U-Bahn hineingetragen wurde. Einfach hingreifen ist nur dann erlaubt, wenn ich an einer Klippe hänge und um Hilfe schreie. Sonst sollte man lieber nachfragen.
  • Mitleid
    Auch das kenne ich. Sätze wie: „Ich bin krank, aber wenn ich Sie so ansehe, mit Ihrem schweren Schicksal, erscheint mir meine Situation gleich viel leichter.“ Ich weise bei solchen Sätzen oft darauf hin, dass meine Behinderung kein schweres Schicksal, sondern einfach ein Teil meines Lebens ist. Mein Leben ist über weite Strecken ziemlich großartig, sage ich dann noch. Es gibt aber, wie bei allen anderen auch, Höhen und Tiefen.

Das waren drei Beispiele aus meinem eigenen Erleben, an die mich die lustige Animation erinnert hat. Auch wenn es für mich ein Déjà-vu war, ist es wichtig, solche Situationen aufzuzeigen, denn sie spielen eine wichtige Rolle im Alltag von vielen Menschen mit Behinderungen. 

Auch wenn vieles von dem, was geschildert wurde, nicht böse gemeint ist, ist es doch ein Ausdruck dafür, dass Menschen mit Behinderungen immer noch nicht als voll gleichwertig angenommen werden. Auch wir selber können an der Situation etwas ändern, indem wir versuchen, auf solche Bemerkungen einzugehen und aufzuklären.

Das Video hat mich zum Nachdenken gebracht. Beurteilen Sie selbst, ob es auch für Sie ein Denkanstoß ist.

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2 Kommentare

  • Es ist kaum zu glauben, aber zu mir hat einmal eine Mitarbeiterin einer Lebenshilfe (!!) Werkstätte gesagt, sie macht diese Arbeit gerne, weil sie denkt, das sind ja auch Menschen dort. Es war ihre Antwort auf all die Bewunderer, die sie ansprechen, dass sie diese Arbeit dort macht. Einfach irre. Jetzt sage ich manchmal im Spass zu meiner schwerstbehinderten Tochter, weißt eh, du bist ja auch sogar ein Mensch…..

  • „wir selber können an der Situation etwas ändern, indem wir versuchen, auf solche Bemerkungen einzugehen und aufzuklären.“

    Immer schön freundlich bleiben, man könnte ja als verbittert wahrgenommen werden, auch wenn an diesem Tag der 50ste Pfosten es total gut mit einem meint und nur helfen will. Denn ’so ein Mensch wie du‘ ist selbstverständlich über die Maßen lebensbejahend, der Alptraum aller Depressiven und ansonsten eine Nervensäge, aber das sagt man nicht, du bist ja behindert.