7 Jahre Freak-Radio

Interview mit dem Geschäftsführer von "Freak - Verein zur Förderung von behinderten Menschen in den Medien", Gerhard Wagner, anlässlich des 7. Geburtstages von Freak-Radio.

Team feiert 7 Jahre Freak-Radio
Josef Mayer

BIZEPS-INFO: Vor sieben Jahren – am 3. April 1997 – gab es die erste Sendung von Freak-Radio. Wie kam es dazu?

Gerhard Wagner: Der ORF hat das Mittelwellenprogramm für freie Gruppen geöffnet. Insbesondere ethnische und andere Minderheiten sollten hier senden können. Schon länger gab es eine Arbeitsgruppe für behinderte Menschen in den Medien um Franz-Joseph Huainigg, diese hat sich übrigens bei BIZEPS getroffen. Aus der Arbeitsgruppe hat sich dann Dorothea Brozek entschlossen, solch ein Radioprojekt für Menschen mit Behinderungen in Angriff zu nehmen. Vor der ersten Sendung hat sie dann auch mich gefragt, ob ich nicht Lust hätte mitzumachen. So habe ich dann gleich in der ersten Sendung einen Beitrag über das damals neu eröffnete Apollokino gemacht – übrigens mit Kornelia Götzinger und Martin Ladstätter.

BIZEPS-INFO: Wer oder was ist eigentlich Freak-Radio und wie seid ihr zu dem Namen gekommen?

Gerhard Wagner: Freak-Radio ist eine integrative Radio-Redaktion, die jeden Sonntag von 20.30 bis 21 Uhr auf MW 1476 sendet. Eine Wiederholung gibt es am Dienstag zur gleichen Zeit.

Zum Namen Freak-Radio: Erstens einmal sind Freaks im deutschen Sprachgebrauch meist außergewöhnliche und interessante Menschen – und dann gibt es die Freak-Geschichten von Ursula Eggli. Diese erzählen von einer barrierefreien Welt, die ganz für behinderte Menschen ausgerichtet ist.

Nicht nur die Themen, über die Freak-Radio berichtet, beschäftigen sich mit dem Umfeld von behinderten Menschen. In unserem Team sind viele Redakteure mit völlig unterschiedlichen Behinderungen aktiv! Davon gibt es einige, von denen ORF-Mitarbeiter gesagt haben, es sei unmöglich, dass sie eigenständig Sendungen machen können. – Wir beweisen das Gegenteil.

Unsere Hör-Zielgruppe sind alle Menschen, die offen sind für die Themen von Menschen mit Behinderungen. Wir wollen daher interessant sein, unterhaltsam sein – und wir laden auch ein, bei unseren Live-Aufzeichnungen dabei zu sein. Jeden ersten Mittwoch im Monat zeichnen wir um 11 und um 12 Uhr im ORF-KulturCafe in der Argentinierstraße 30a jeweils zwei Sendungen auf. Gäste sind herzlich willkommen! Der Eintritt oder die Einfahrt mit dem Rolli sind frei.

BIZEPS-INFO: Freak-Radio sendet auf Mittelwelle 1476. Ist das nicht ein Nachteil, weil wenige Menschen Mittelwelle hören?

Gerhard Wagner: Ja und nein: Einerseits ist es natürlich ein Nachteil, denn die Mittelwelle hören ja wirklich nur Liebhaber. Aber seit einigen Jahren gibt es die Möglichkeit, uns auch im Internet zu hören, und zwar live von der ganzen Welt.

Ein Vorteil ist sicher, dass wir auf der Mittelwelle frei senden können, kein Mensch redet der Freak-Redaktion ins Programm drein. Auch neue Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter können jederzeit anfangen: Denn die Qualität der Sendungen muss da nicht so perfekt sein wie bei Ö1.

Aber natürlich ist es ein Ziel von uns, ins offizielle, viel gehörte Programm zu kommen: Deshalb unternehmen wir seit Jahren auch große Anstrengungen, die Qualität von wichtigen Sendungen auf solch ein Niveau zu heben, das auch im „normalen“ FM-Programm gesendet werden kann.

BIZEPS-INFO: Gibt es andere Möglichkeiten, Freak-Radio zu hören?

Gerhard Wagner: Ja – und das ist eigentlich fast der bequemste Weg, uns zu empfangen: Mindestens die fünf aktuellsten Sendungen können noch einige Wochen auf der Homepage des ORF als mp3 abgehört werden. Das ist vor allem deshalb ein Vorteil, weil dadurch die Sendungen zu jeder Tages- und Nachtzeit empfangen werden können.

BIZEPS-INFO: Welche Erfahrungen habt ihr in den letzten Jahren gemacht? Konntet ihr etwas bewirken?

Gerhard Wagner: Teilweise sind die Erfahrungen ernüchternd: Denn es ist sehr schwer, an unsere Hörer heranzukommen. Wir wissen nie, wer und auch wie viele Leute uns überhaupt gehört haben …

Auf der anderen Seite ist es auch ein Ziel von Freak-Radio, im politischen Bereich etwas weiter zu bringen: Indem wir etwa Verantwortliche zu Diskussionssendungen einladen und sie im Gespräch mit den Betroffenen konfrontiert und zum Nachdenken gebracht werden, ändert sich dann manchmal wirklich etwas. Wir sind gewiss nur ein kleines Rädchen im System, aber gemeinsam mit anderen können wir vielleicht da oder dort einen Anstoß gebend denn in den Sendungen reden wir anders miteinander als in Verhandlungen, das ist vielleicht ein Vorteil.

Schließlich gibt es auch noch eine medien-politische Seite: In Österreich ist es immer noch die Regel, dass über die Köpfe und Bedürfnisse von behinderten Menschen weg Bericht erstattet wird, ohne sie überhaupt einzubeziehen. Oder Journalisten nennen Menschen mit Behinderungen prinzipiell mit dem Vornamen oder per Du. Oder man verwendet seltsame Formulierungen: Die Leute „leiden“ dann unter „Krankheiten“, sind an den Rollstuhl, ans Bett usw. „gefesselt“ oder prinzipiell „arm“ und bemitleidenswert, jedenfalls immer alles andere als selbständig oder gar selbstbestimmt!

Das ist bei uns anders: Es gibt keine Sendung, in der nicht Betroffene zu Wort kommen, moderieren, gestalten oder im Publikum mitreden. Wir diskutieren in der Redaktion oft über korrekte und respektvolle Sprache – und wir versuchen das auch anzuwenden.

BIZEPS-INFO: Konntet Ihr Euer Angebot verbessern?

Gerhard Wagner: Wir haben im letzten Jahr unser Angebot auch erweitert: Einerseits haben wir auf unserer neuen Homepage fünfzig Sendungen für gehörlose Interessierte verschriftlicht und weitere zehn für Menschen mit Lernschwierigkeiten gestaltet. Auch sonst bietet das Medium Internet viel mehr Möglichkeiten als eine Radiosendung. Wir können etwas ganz aktuell ins Netz stellen. Die Radiosendungen planen wir immer relativ langfristig, da ist es schwieriger, aktuell zu sein.

Wir haben etwa auch einige Bilder von selbstbestimmten Menschen mit Behinderung gemacht, von denen werden wir einige auf unserer Homepage vorstellen. Auch Kurzvideos möchten wir noch heuer ins Netz stellen. Und ein erweitertes Archiv mit 50 mp3-Sendungen soll es demnächst ebenfalls geben.

Das alles wurde möglich, weil das Bundessozialamt Wien im vorigen Jahr den Trägerverein von Freak-Radio mit neuen Geräten und einer Homepage ausgestattet hat.

Außerdem gibt es seit einem halben Jahr jeden zweiten Dienstag im Monat ab 20 Uhr eine Live-Diskussion, die gleichzeitig im Internet als Text zum Mitdiskutieren und gleichzeitig im Radio gesendet wird. Die Idee hat Bernhard Hruska gemeinsam mit QSI, SLI-Wien und mit uns entwickelt: Wir kombinieren die Vorteile eines Lesetextes mit denen des Radios: Auf diese Weise können uns sowohl gehörlose als auch blinde Menschen gleichzeitig empfangen. Zudem gibt es für jeden die Möglichkeit mitzudiskutieren.

Allerdings ist solch eine einstündige Live-Diskussion sehr anspruchsvoll und verlangt eine hohe Professionalität von allen Beteiligten: Denn sie muss so informativ und interessant wie möglich sein, damit jeder dranbleibt.

BIZEPS-INFO: Wie viel verdient ihr für eine Radiosendung?

Gerhard Wagner: Gar nichts! Und das ist ein Problem in mehrfacher Hinsicht: Einerseits glauben manche im ORF, behinderte Journalisten können grundsätzlich keine Sendungen oder Beiträge machen. Wenn es diese Sendungen und Beiträge dann gibt, sagen sie: Aber ihr sendet doch sowieso nur auf der Mittelwelle, das kann man nicht ernst nehmen.

Auf Anfragen, ob es behinderte Journalisten gibt, erinnert sich der ORF entgegen seiner sonstigen Gewohnheit aber dann doch gerne an uns. Dass sie unbezahlt arbeiten, steht in den Aussendungen aber nicht. Ziel muss es jedenfalls sein, dass Menschen mit Behinderung auch im regulären Programm gehört oder gesehen werden können – und dass sie auch angemessen bezahlt werden.

BIZEPS-INFO: Welche Pläne für die Zukunft habt ihr?

Gerhard Wagner: Ich sehe eine Chance in einer Kooperation mit anderen Redakteuren, von denen wir, ebenso wie übrigens von den Technikern, viel lernen können. Und wir planen auch Kooperationen im Ausland – wie etwa aktuell mit Adolf Ratzka in Schweden.

Unser Ziel ist natürlich, dass zumindest einige Leute in der Redaktion, die es wollen, im regulären Radio- oder vielleicht auch Fernsehprogramm mitarbeiten. Dafür müssen aber der ORF und andere Institutionen noch einiges in Barrierefreiheit investieren, denn nicht nur Gebäude, sondern auch die Anlagen sind noch nicht immer barrierefrei!

Ansonsten: Offen sein für Zusammenarbeit … gemeinsam ist man stärker!

BIZEPS-INFO: Wir danken für das Interview.

Hier hören Sie den Einleitungsjingle der Radiosendung Freak-Radio.

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