Auf den Schirm: Inklusion statt Cripping up

Mit Cripping up ist gemeint, dass behinderte Charaktere von nicht behinderten Schauspielerinnen und Schauspielern verkörpert werden. Was bedeutet das für die Inklusion? Ein Kommentar.

Eine schwarz/weiße Filmklappe mit Text THE DIRECTOR Roll 3 Scene 7A Take 8 Director Henley Christopher Camera: Emily Date: 05-26-2018 Day
Foto von Martin Lopez von Pexels

Ob Eddie Redmayne im Film „Die Entdeckung der Unendlichkeit“, Daniel Day-Lewis in „Mein linker Fuß“, oder Leonardo DiCaprio in „Gilbert Grape“ – nicht behinderte Darstellerinnen und Darsteller, die in Filmen Menschen mit Behinderungen verkörpern, ernten oft sehr viel Lob und Anerkennung.

Cripping up setzt sich aus dem englischen Wort für Krüppel und dem Wort up für hoch zusammen. Gemeint ist damit, dass es immer als großartige Verwandlung gilt, wenn nicht behinderte Darstellerinnen und Darsteller in die Rolle eines Menschen mit Behinderung schlüpfen.

In jüngster Zeit gab es sehr viel Diskussion um das Thema Blackfacing, also dass schwarze Menschen von Weißen dargestellt werden. Diese Praxis hat nämlich einen rassistischen Hintergrund, wie ein Artikel auf WARDA erklärt.

Doch was ist mit Cripping up? Ist das problematisch?

Auch wenn wir in den 2020er Jahren leben, sehen wir immer noch viel zu wenig Menschen mit Behinderung auf der Bühne oder auf den Fernsehbildschirmen. Wirklich bekannte Darsteller mit Behinderungen könnte ich aus dem Stehgreif nur ein paar wenige nennen.

Peter Dinklage aus Game of Thrones ist ein Beispiel dafür. Wenn tatsächlich Menschen mit Behinderung in Filmen mal eine Rolle spielen, so tun sie das häufig als Nebenfigur. Wenn sie eine Hauptrolle spielen, geht es in dem Film oft hauptsächlich um ihre Behinderung.

Erst für Gleichberechtigung sorgen

Natürlich könnte man bei Cripping up argumentieren, dass Schauspieler doch ständig etwas verkörpern, was sie eigentlich nicht sind. Sie sind ja auch nicht Elisabeth die I. oder Marie Curie.

  • Was ist also problematisch daran, wenn sie sich in den Rollstuhl setzen oder einen Menschen mit Autismusspektrumsstörung verkörpern?
  • Sollte man nicht überhaupt froh sein, dass es Charaktere mit Behinderungen in Filmen und Serien gibt?

Solange Schauspielerinnen und Schauspieler mit Behinderungen immer noch wenig Chancen haben, Rollen zu bekommen, ist Cripping up sehr wohl ein Problem. Denn wir schließen eine Gruppe aus Film und Theater aus, nehmen uns aber heraus, uns ihrer Identitäten zu bedienen, in ihrem Namen Geschichten zu erzählen und das häufig aus der Perspektive von nicht behinderten Menschen.

Menschen mit Behinderungen müssen – wie zu allen anderen Lebensbereichen auch – Zugang zum Beruf der Schauspielerin und des Schauspielers haben. Wenn sie talentiert sind, muss es für sie möglich sein, Rollen zu bekommen und wenn möglich qualitative und vielschichtige Rollen. Denn auch die Art der Darstellung spielt eine Rolle.

Einfach ganz normal

Was macht eine inklusive Darstellung eines Menschen mit Behinderung aus? Dafür gibt es sogar einen Test. Der Behindertenaktivist Andrew Pulrang hat ihn entworfen. Er ist nach Tyrion Lannister aus der Game of Thrones Serie benannt und listet Dinge auf, auf die man bei der Darstellung des Themas Behinderung achten sollte.

  • Ist der Charakter mit Behinderung involviert in wichtige Handlungsstränge, die sich nicht ausschließlich um seine Behinderung drehen?
  • Ist die Darstellung der Behinderung realistisch und spielt nicht mehr oder weniger eine Rolle, als sie das tatsächlich im Alltag von behinderten Menschen würde?
  • Geht es in der Story um die Heilung oder Erlösung des behinderten Menschen durch einen nicht behinderten Charakter?
  • Wird der behinderten Person immer nur gegeben oder gibt die behinderte Person auch abgesehen von ihrer Behinderung etwas, um die Handlung voranzutreiben?
  • Wird die Behinderung glorifiziert oder traurig überzeichnet?

Das sind Beispiele für Dinge, auf die man bei der Darstellung von behinderten Menschen in Filmen, aber auch in Büchern achten kann.

Warum der Test gerade nach Tyrion Lannister benannt ist, leuchtet durchaus ein. Denn auch ich finde die Figur von Peter Dinklage ein gutes Beispiel für eine inklusive Darstellung.

Er ist ein wichtiger Charakter in der Serie. Es geht nicht nur um seine Behinderung. Diese ist eher unterschwellig Thema. Sein Charakter ist genauso vielschichtig wie andere Charaktere. Auch darf er im Film zum Beispiel seine Sexualität ausleben, ebenfalls etwas, das in der Darstellung von Menschen mit Behinderungen oft zu kurz kommt.

Normalität ein gutes Stichwort

Wenn es um die Darstellung von Menschen mit Behinderungen geht, ist Normalität ein gutes Stichwort. Die Behinderung ist einfach da, ohne in der Story groß thematisiert zu werden. Man thematisiert ja auch nicht ständig, dass ein Darsteller blond ist. Es soll klar werden, dass Behinderung einfach ein Teil der gesellschaftlichen Vielfalt ist.

Dies kann nur geschehen, wenn es nicht nur mehr Charaktere mit Behinderungen im Film und auf den Bühnen gibt, sondern auch dadurch, dass diese auch von Menschen mit Behinderungen gespielt werden.

Ein anderer wichtiger Punkt ist, dass Menschen mit Behinderungen nicht nur Zugang zum Schauspielberuf erlangen, sondern auch auf Regiestühlen und als Drehbuchautorinnen und -Autoren ihren Platz finden.

Wenn das geschieht, braucht man vielleicht auch weniger nichtbehinderte Darstellerinnen und Darsteller, die sich in Rollstühle setzen.

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Ein Kommentar

  • Dieser Artikel gefällt mir. Vielleicht findet sich ein Schauspieler der Menschen mit Behinderung die Möglichkeit gibt sich in Schauspielkunst zu unterrichten.