China: Barrierefrei Reisen nach Hongkong

Der Reiseführer macht behinderten Hongkong-Reisenden wenig Hoffnung auf einen entspannten Urlaub. Hongkong sei für behinderte Menschen überhaupt nicht geeignet, heißt es dort.

Blindenleitliniensystem in Hongkong
Link, Dipl.-Pol. Christiane

Wer sich davon nicht beeindrucken läßt und ein wenig flexibel ist, kann die chinesische Sonderverwaltungszone relativ problemlos erkunden.

Anreise

Die Hongkonger Fluggesellschaft Cathay Pacific (CX) fliegt täglich von Frankfurt an die Stadt am Perlfluß. Auch Lufthansa, KLM und British Airways fliegen nach Hongkong. Cathay Pacific genießt einen erstklassigen Ruf. Bei behinderten Passagieren können sie nach meinen Erfahrungen aber mit us-amerikanischen oder kanadischen Airlines nicht mithalten. Dafür ist der Service an Bord sehr gut. CX hat einen Meyra-Bordrollstuhl im Flugzeug. Die Bordtoilette ist aber – wie bei den meisten anderen Fluggesellschaften auch – sehr klein.

Der Internationale Flughafen wurde 1998 fertiggestellt und ist völlig barrierefrei. Gleich nach der Gepäckausgabe hält die Touristeninformation Broschüren und Karten für Besucher bereit. Auch das Heft „A Guide to Public Transport for People with Disabilities“ gibt es dort. Es informiert über den Stand der Barrierefreiheit bei Hongkongs öffentlichem Nahverkehr.

Unterwegs in Hongkong

Schon die Reise von dem rund 40 Kilometer von der Stadt entfernten Flughafen zum Hotel gestaltet sich recht unkompliziert. Der Airport Express sowie alle anfahrenden Stationen sind barrierefrei. Aber auch die Busse, die alternativ zum Zug den Flughafen mit der Stadt verbinden, sind Niederflurbusse mit Rampen.

Busse sind die wichtigsten Verkehrsmittel in Hongkong. Insgesamt 6000 Busse fahren im Stadtgebiet – meist Doppeldeckerbusse nach englischem Vorbild. 2000 Busse davon sind Niederflurbusse. Auf den wichtigsten Buslinie fahren häufig Niederflurbusse. Oftmals stehen an hoch frequentierten Haltestellen Supervisor, die auf Nachfrage auch mal einen Niederflurbus anfordern. Die Busfahrer selbst können meist schlecht Englisch. Auch richtig an die Haltestelle heranzufahren, damit die Rampe ausgeklappt werden kann, ist für einige Fahrer eine Herausforderung, die aber letztendlich alle meisterten.

Ein Hindernis beim Einsteigen sind die an vielen Haltestellen festaufgestellten Gerüste, die die Engländer importierten, um das gesittete Einsteigen im Form einer Schlange zu gewährleisten. Dieses Gestänge versperrt Rollstuhlfahrern nur leider öfter den Weg an den Straßenrand oder verhindert das Ausklappen der Rampe. Man muss sich also schon deutlich bemerkbar machen, wenn man mit einem Rollstuhl in den Bus möchte. Dann halten die Busfahrer auch schon mal außerhalb der Haltestelle.

Auch eine U-Bahn gibt es in Hongkong. Leider sind nur wenige Stationen vom Gleis bis zur Straßenebene mit einem Fahrstuhl ausgestattet. Welche Stationen zugänglich sind, steht in der Broschüre der Touristeninformation. Doch auch für die Stationen ohne Fahrstühle haben sich die technikverrückten Hongkonger etwas einfallen lassen: Eine Treppenraupe bringt zumindest behinderte Menschen mit manuellem Rollstuhl zum Zug.

Diese ist nur leider sehr langsam und nicht ohne Gänsehaut-Faktor: Der Rollstuhl wird von hinten an einer Art Pfahl festgemacht. Dann kippt die Maschine nach hinten. Da ist gute Nackenmuskulatur gefragt, denn der Nacken hat in dieser Position einiges zu tun. Die Walzen der Maschine arbeiten sich dann von Stufe zu Stufe vor – nicht ohne zu Stocken und zu wackeln – den Abgrund vor Augen. Im Alltag eignet sich die Maschine also kaum. Zudem ist sie sehr langsam. Da kann es schon mal 60 Minuten dauern, bis man die U-Bahn erreicht hat.

Viel einfacher ist dagegen die Nutzung der Metro für blinde und sehbehinderte Menschen. Die U-Bahn verfügt über ein intelligentes Blindenleitsystem, die Stationen werden dreisprachig angesagt, die Fahrstühle verfügen über taktil erfassbare Knöpfe und auch sonst sind viele Informationen auch in Braille verfügbar.

Während deutsche Verkehrsunternehmen noch darüber nachdenken, wie sie ihre Fahrkartenautomaten barrierefrei gestalten, haben die Hongkonger ein denkbar einfaches System. Wer die U-Bahnstation betritt oder verlässt hält eine wiederaufladbare Karte gegen einen Kontakt. Das entsprechende Fahrgeld wird abgebucht. Dabei muss die Karte nicht in einen Schlitz gesteckt werden. Auch die Karte im Geldbeutel oder in der Tasche reicht dem Kontaktfeld, um das Geld abzubuchen. Die Karte kann auch für Bus- oder Fährfahrten, im Parkhaus und sogar bei McDonalds benutzt werden.

Genauso einfach ist das Aufladen der Budget-Karte: Der Automat ist auch im Sitzen zu erreichen. Man steckt die Karte hinein, schiebt anschließend den Geldschein nach und beendet per einfachem Knopfdruck die Aktion. Schon ist die Karte aufgeladen.

An den Informationsschaltern der U-Bahn gibt es zudem Induktionsanlagen für schwerhörige Menschen. Die Stationen werden immer akustisch und visuell angezeigt.

Für die Fahrt zwischen den Inseln der Stadt fahren Fähren. Wahrzeichen der Stadt ist die Star Ferry, die zwischen Kowloon und Hongkong Island verkehrt. Die Fähre ist bis auf eine kleine Stufe stufenlos zu erreichen. Einziges Hindernis bei unruhiger See: Der Übergang zwischen Land und Schiff wackelt extrem.

Blindenleitsystem

Hongkong ist laut und die Enge auf den Bürgersteigen durch die Menschenmassen ist für viele Europäer ungewohnt. Dennoch sieht man in Hongkong so manchen Blinden sich sicher durch den Verkehr bewegen. Der Grund könnten die Blindenleitsysteme sein, die sich im Pflaster vieler Gehwege wiederfinden. Selbst in Einkaufszentren erreicht man mittels Leitsystem zumindest die Fahrstühle.

An vielen Überwegen befinden sich Noppenplatten, die blinde Menschen die Orientierung erleichtern. Durch die ganze Stadt schallt das Klackern der Blindenampeln. Sie gehören fest zur Geräuschkulisse der Millionenstadt – kaum eine Ampel, die keine Geräusche macht, kaum ein Überweg, der nicht mit gelben Noppenplatten vor der Straße warnt.

„Schau mal, Papa, hier sind überall Streifen für Blinde“, sagte das deutsche Mädchen, das mit seinen Eltern an der Ampel wartete. „Das haben die doch nicht nur für die Blinden gemacht“, antwortete der Vater spöttisch. Was für deutsche Touristen offenbar unvorstellbar ist, haben die Hongkong-Chinesen völlig selbstverständlich in der Stadt realisiert. Selbst bei Baustellen wird das Leitsystem so verlegt, dass Blinde nicht in die Baugrube fallen.

Hongkong lädt zum Shoppen ein – immer mit einer Stufe

Hongkong ist ein Einkaufsparadies. Ein Laden reiht sich an den anderen und Einkaufszentren gibt es an jeder Ecke. Leider haben Einkaufslustige, die im Rollstuhl unterwegs sind, einige Hindernisse zu überwinden, teilweise ist detektivischer Spürsinn auf der Suche nach Fahrstühlen gefragt.

Die meisten Geschäfte in Hongkong haben eine mehr oder weniger hohe Stufe vor der Tür. Das hat nicht zuletzt mit dem Glauben vieler Geschäftsinhaber zu tun. Die Stufe soll das Eindringen böser Geister verhindern. Zudem spielt Feng Shui eine große Rolle im Alltag der Chinesen. Wenn der Feng Shui-Berater zu einer Stufe vor der Tür rät, werden viele Geschäftsbesitzer diesem Rat folgen. Bei manchen Geschäften hat aber auch der Staat vorgeschrieben, dass sie eine Stufe vor der Tür haben müssen, um bei Regenwetter das Eindringen von Wasser in den Laden zu verhindern. Es gibt aus diesen Gründen kaum einen Laden, der keine Stufe vor der Tür hat. Allerdings haben einige Läden Rampen nachgerüstet.

Stufenlos einkaufen kann man in den vielen Einkaufszentren. Allerdings nur mit ein bißchen Pfadfinder-Geschick: Zwar haben alle Einkaufszentren Fahrstühle, nur sind die selten in den öffentlichen Bereichen. Es handelt sich meist um Lastenfahrstühle, die zwar frei zugänglich sind, aber sich oft hinter nicht beschrifteten Türen befinden. Die nicht behinderten Kunden nutzen in erster Linie die Rolltreppen. Wer als Rollstuhlfahrer Rolltreppe fahren kann, spart viel Zeit, lernt allerdings nicht die Lagerräume und Unterwelten der Einkaufszentren kennen. Auch der Abenteuerfaktor in Aufzügen desolatestem Zustand geht verloren. Die vielen Sicherheitsleute in den Zentren weisen einem bereitwillig den Weg hinter die Kulissen der Einkaufsparadiese.

Toilettenproblem? Nicht in Hongkong

Wer als Rollstuhlfahrer auf Reisen in fremde Länder geht, kennt das Problem, eine geeignete Toilette zu finden. Dieses Problems sind sich die Hongkonger offenbar bewusst, denn Rollstuhltoiletten gibt es auffällig viele. Fast jede öffentliche Toilette an Märkten verfügt auch über eine Rollstuhltoilette. Dank der vielen Einkaufszentren, die ebenfalls fast alle über geeignete Örtlichkeiten verfügen, ist nahezu immer eine Rollstuhltoilette verfügbar. Da die Einkaufsparadiese teilweise bis Mitternacht geöffnet haben, muss nur spät abends mit Problemen gerechnet werden. Auch einige Restaurants, so zu Beispiel das Hard Rock Café, haben sich auf Gäste im Rollstuhl eingestellt. Auch viele Hotels haben Rollstuhltoiletten.

Die Anlagen entsprechen natürlich nicht dem deutschen Standard und sind teilweise knapp bemessen. Zudem werden sie ganz selbstverständlich von nicht behinderten Menschen mitbenutzt, was leider Auswirkungen auf die Sauberkeit der Anlagen hat.

Die Polizei, Dein Freund und Helfer

Hongkongs Polizisten können im Vergleich zur Durchschnittsbevölkerung relativ gut Englisch. Zudem wissen sie erstaunlich gut bescheid, wo es Rampen und Fahrstühle gibt und wo die nächste Rollstuhltoilette ist. Immer wurde uns geholfen, notfalls wurde per Funk die Zentrale befragt.

Unterkunft

Besonders die gehobenen Hotels verfügen über barrierefreie Zimmer. Es ist ratsam, genau nach der Ausstattung des jeweiligen Zimmers zu fragen. So verfügte unser Zimmer über eine Badewanne und nicht über eine barrierefreie Dusche, was für viele behinderte Menschen ein Problem ist.

Wer nicht fragt, bleibt dumm

Die Hongkonger sind extrem hilfsbereit und geben alle bereitwillig Auskunft. Wer kein Englisch kann, versucht es mit Händen und Füßen. Da es sich bei den meisten Gebäuden um Wolkenkratzer handelt, sind auch Restaurants und Einrichtungen im 1. oder 2. Stockwerk zu erreichen. Wie bei den Einkaufszentren gilt auch hier: Nach Hintereingängen und Fahrstühlen fragen. Sie sind oft nicht leicht aufzufinden. Die meisten Gebäude sind irgendwie zugänglich, man muss nur wissen wie und manchmal müssen auch ein paar Türen aufgeschloßen werden. Dank der Hilfsbereitschaft und Freundlichkeit der Hongkonger sind wir immer überall hingekommen, wo wir hinwollten – notfalls durch die Küche.

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2 Kommentare

  • Einer der Höhepunkte von Honogkong waren für mich weniger das Stadtzentrum selbst, das auf mehrere Inseln verteilt ist, sondern die umliegenden Inselwelt, die ebenfalls zu Hongkong gehört, aber iel weniger bebaut und ländlicher sind. Auf mehreren Inseln sind Autos verboten. Als Rollstuhlfahrer kann man aber bequem auf ca 2 m breiten betonierten Gehwegen die Insel erforschen, durch die Felder und tropischen Wälder wandern. Von Kowloon, dem Einkaufszentrum von Hongkong, in dem auch die meisten Touristen abzusteigen pflegen, gibt es problemlos berollbare Autofähren auf die Inseln.