Die Bahn wirkt: Nostalgiezug ermöglicht Rollstuhlfahrern Erfahrungen wie in alten Zeiten

Linzer Bahnhof am 15. Dezember um 18.54 Uhr: Wie jeden Abend an einem Arbeitstag trete ich als rollstuhlfahrender ÖBB-Kunde meine Heimreise vom Arbeitsplatz in Linz nach Steyr an.

ÖBB Hebelift
BIZEPS

Wie immer hilft mir ein Mann vom Security+Service der ÖBB auf den Hebelift. Doch plötzlich bemerken wir beide, dass etwas anders ist: Die Eingänge dieses Zuges sind schmäler als sonst, sie sind sogar für die Rampe des Hebeliftes zu eng, geschweige denn für meinen Rollstuhl, obwohl ich einen sehr schmalen Aktivrollstuhl habe und nicht etwa einen breiten Elektrorollstuhl.

Vor der Fahrplanumstellung am 12. Dezember 2004 war der Zug, der zu dieser Zeit fuhr, noch mit Hilfe eines Hebeliftes zugänglich.

Wir warten etwas ratlos auf den Zugbegleiter, der uns schließlich darauf aufmerksam macht, dass dieser Zug ein so genannter „Nostalgiezug“ ist, der nun täglich zu dieser Zeit Richtung Wien fährt. Ich habe nun die Alternative entweder in diesem Nostalgiezug im ungeheizten Paketwagen bis nach St. Valentin mitzufahren und dann in einen anderen Zug nach Steyr umzusteigen oder noch eine weitere Stunde auf den nächsten direkten Zug nach Steyr zu warten.

Ich leiste mir heute den Luxus, etwas trotzig zu sein und wähle die erstere Variante, denn ich habe keine Lust noch länger zu warten. Nicht genug, dass seit der Umstellung des ÖBB-Fahrplanes am 12. Dezember die meisten Verbindungen zwischen Linz und Steyr langsamer sind als je zuvor und ich, wenn es so weitergeht bald mehr Zeit im Zug verbringe als im Büro.

Nicht genug, dass die ÖBB insbesondere am Abend mehrere Verbindungen zwischen Linz und Steyr gestrichen hat und daher jene Züge die noch fahren, jetzt meist überfüllt sind, nein jetzt setzt die ÖBB noch eins drauf und lässt zu einer Zeit, in der viele Pendler auf dieser Strecke unterwegs sind, auch noch einen Nostalgiezug fahren, damit man sich fühlen kann wie in alten Zeiten …

Ich will einfach nur noch eins: so schnell wie möglich NACH HAUSE!!! Im kalten Paketwagen ist der Ärger über die Ignoranz der ÖBB stärker als mein Kälteempfinden. Kein Zweifel: Die Bahn wirkt! Daran kann auch der neue barrierefreie Linzer Bahnhof nichts ändern.

Zu Hause angekommen (zum Glück gibt es in Steyr Niederflurbusse), vergeht der Ärger langsam, dafür kehrt mein Kälteempfinden zurück. Ich gönne mir ein heißes Bad und denke mir: Solange es kein umfassendes Bundesbehindertengleichstellungsgesetz gibt, in dem ein barrierefreier öffentlicher Verkehr verankert ist, werden Menschen wie ich wohl weiterhin das Vergnügen haben, nostalgische Erfahrungen machen zu dürfen …

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0 Kommentare

  • … da sag ich nur eins dazu: Für ein umfassendes und durchgreifendes Bundes-Behindertengleichstellungsgesetz!