Eine Home-Story im TV und 10 reale Fragen

4:30 Minuten Sendezeit für einen Beitrag über das Familienleben mit einem Kind mit Down-Syndrom: so lautete ein plötzliches und unerwartetes Angebot an uns von einer Redakteurin der ORF Sendung Studio 2. Meine Frau und ich haben kurz überlegt und zugesagt.

Moritz Rauch mit einer ORF-Kamera
Martin Rauch

Ja – wir wollen gerne Einblick geben in unseren Alltag. Unser Sohn Moritz ist 9 Jahre alt und lebt mit dem Down-Syndrom.

Das Ergebnis der TV-Reportage kann man sich übrigens bis 4. Mai 2022 hier in der ORF TVTHEK ansehen. (großer Dank an das Film-Team!)

Da Studio 2 keine Politik-Sendung ist, möchte ich hier kurz einige Gedanken nennen, die mich abseits des „Home-Story“ Videos beschäftigen.

Es sind Fragen an den Bildungsminister, Fragen an die Wiener Bildungsdirektion, Fragen an die Politik:

  1. Wie kann es sein, dass ein Kind wie Moritz schon bald mit ca. 15 Jahren die Schule verlassen muss und keinen Rechtsanspruch auf Schulbildung bis zumindest 20 hat? 
  2. Wie kann es sein, dass Moritz keinen Rechtsanspruch auf eine/n GebärdendolmetschIn in der Schule hat, wo doch ÖGS seine Hauptsprache ist?
  3. Wie kann es sein, dass bislang ungeklärt ist, ob Moritz ab September den Nachmittagsunterricht besuchen darf?
  4. Wie kann es sein, dass die Tochter einer Freundin nach der 4. Klasse (Unterstufe) nicht in die 5. Klasse (Oberstufe) weitergehen darf?
  5. Warum ist es selbstverständlich, dass Kindern stundenlange Fahrtendienste zugemutet werden, anstatt den Familien ein Wahlrecht auf einen Platz in einer der drei nächsten Schulen zuzusichern?  
  6. Wie kann es sein, dass der Anteil der Kinder in Sonderschulklassen in Wien nicht und nicht weniger wird – und bis heute nicht einmal ein einziger Modellbezirk ohne Sonderschule entstanden ist?
  7. Wie viele Arbeitsplätze schaffen eigentlich unsere Kinder für jene, die das Schicksal unserer Kinder „verwalten“ – wie viele Ressourcen könnten freigemacht werden für unmittelbare Unterstützung?
  8. Wann gibt es endlich in Wien (idealerweise aber bundesweit) Anspruch auf eine „Persönliche Assistenz“ auch für Kinder und Jugendliche im Schulalter?
  9. Warum werden Kinder mit Behinderung bei Diskussionen zu Schulreformen meist nicht einmal „erwähnt“?
  10. Wie kann es sein, dass der Entwurf zum NAP 2022-2030 (Nationaler Aktionsplan Behinderung) bis heute nicht transparent im Web abrufbar ist und offen diskutiert wird?

Abschließend

Ich freue mich sehr, dass viele Menschen im Alltag eine positive Einstellung zu Moritz und anderen Kindern mit einer Behinderung haben. Das ist wirklich großartig. Danke! Von der Politik hingegen erwarte ich nicht „wohlmeinende Worte“, sondern konkrete Taten.

Mehr zu Moritz gibts übrigens am Blog: meet-moritz.at

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2 Kommentare

  • „Ich freue mich sehr, dass viele Menschen im Alltag eine positive Einstellung zu Moritz und anderen Kindern mit einer Behinderung haben. Das ist wirklich
    großartig. Danke!“

    Es ist wichtig und richtig, die alltäglichen Kleinigkeiten wahrnehmen und sich darüber freuen zu können. Damit sollte man es aber nicht übertreiben.
    Wenn es um die Wurst geht, ist mit Gegenwind zu rechnen. Wir leben in einer Demokratie, in der sich das Volk die Politiker aussucht.
    folglich gibt die Politik die Einstellung gegenüber Behinderten wieder, auch die der vielen Alltagsmenschen.
    Sofern diese nicht selbst ein behindertes Kind haben, haben sie sehr wahrscheinlich ein Problem mit inklusiver Beschulung. Erst Recht dann, wenn die eigenen Kinder beschult werden. Daran ändern nette Alltagsgesten nichts, die auch Nichtbehinderte erfahren und mit der Absicht geleistet werden, das eigene Wohlbefinden zu steigern. Jede noch so erbärmliche Existenz kann sich durch eine kleine Geste Bedeutung verleihen. Daran ist jetzt nichts großartig oder schrecklich, es ist einfach menschlich. Die Betonung und das Danke befremden mich etwas, unter anderen Umständen macht man das ja auch nicht. Schade um die Bytes, die dafür verschwendet wurden.