Ich bin contra Sonderschule für gehörlose Kinder in Österreich

Von einem Bildungsprogramm darf allgemein erwartet werden, dass alle oder zumindest ein Großteil aller gehörlosen bzw. gebärdensprachigen Schulkinder die allgemeinen und spezifischen Bildungsziele uneingeschränkt erreichen können. Ein Kommentar.

Gebärde für Diskriminierung
Österreichischer Gehörlosenbund

Ich bin CONTRA Sonderschule für gehörlose Kinder, weil … ich in der Trennung nach Lautsprache und Gebärdensprache ein Instrument der sozialen Segregation und das Gegenteil der Inklusiven Bildung sehe.

Ich bin contra Sonderschule für gehörlose Kinder in Österreich. Von einem Bildungsprogramm darf allgemein erwartet werden, dass alle oder zumindest ein Großteil aller gehörlosen bzw. gebärdensprachigen Schulkinder die allgemeinen und spezifischen Bildungsziele uneingeschränkt erreichen können. Seit September 2005 ist die Österreichische Gebärdensprache (ÖGS) als eigenständige Sprache in der Bundesverfassung anerkannt.

Man hätte vom Bildungsministerium erwarten können, dass entsprechende Maßnahmen zur Umsetzung der Sprachenrechte gehörloser bzw. gebärdensprachiger Schulkinder in den Bildungsprogrammen gesetzt werden. Doch im Bildungsalltag hat sich die schlechte Situation gehörloser bzw. gebärdensprachiger Schulkinder leider nicht wesentlich geändert.

Das Bundes-Gehörloseninstitut in der Maygasse in Wien-Hietzing, dem in dieser Hinsicht die Hauptrolle zukommt, kann dieser hohen Erwartung nicht ganz gerecht werden. Hier gehe ich auf Klassen mit gehörlosen und hörbehinderten Kinder im Grund-, Haupt- und Sonderschulbereich ein, die sich entweder im Gehörlosen-Bildungsinstitut oder in angeschlossenen kooperativen Mittelschulen oder in der AHS befinden, getrennt nach Integrationsklassen (wo hochgradig hörbehinderte Kinder zusammen mit hörenden Kindern im hör- und lautsprachlich orientierten Unterricht zusammen gefasst werden) oder reine Gehörlosenklassen (also kleine Klassen, wo nur gehörlose Kinder in Gebärdensprache unterrichtet werden, wobei jedes Kind individuell gefördert wird, entweder nach dem Sonderschullehrplan, Volks- oder Hauptschullehrplan, etc.).

Wie aus dem Interview von „Die Presse“ mit Direktorin Frau Strohmayer aus dem Jahr 2009 zu entnehmen ist, ist im Gehörlosen-Bundesinstitut seit 2001 die „freie Methodenwahl“ zugelassen. Die Eltern können nach „ausführlicher Beratung“ (ob hier von seiten Bildungsinstitut neutral und unvoreingenommen vorgegangen wird, ist eine andere Frage, wie wir weiter sehen werden) für ihre Kinder entscheiden, welchen Unterricht – lautsprachlich bzw. hörgerichtet oder gebärdensprachlich – sie bevorzugen würden. Frau Strohmayer hielt im Interview fest, dass die überwiegende Mehrheit der Eltern will, dass ihre Kinder hörten und zwar mit Hilfe eines Cochlea-Implantats.

In meinem Beitrag versuche ich einige für die Außenwelt wenig bekannte Aspekte darzulegen, warum und auf welche Weise die auditiv-verbale Methode (hör- und lautsprachgerichteter Unterricht) gegenüber der Gebärdensprache (laut Bildungsinstitut; sollte eher richtig heißen: bilinguale Methode d.h. ÖGS und Deutsch als zwei gleichberechtigte Unterrichtssprachen) im Gehörlosen-Bildungsinstitut so stark im Vordergrund steht.

Für meine Meinung sind folgende Fälle ausschlaggebend, die mir zugetragen wurden…

Fall 1:

Im Bildungsinstitut werden gehörlose Kinder, die nur gebärdensprachlich unterrichtet werden, in Kleinklassen, auch Gehörlosenklassen genannt, eingeteilt. Dort arbeiten auch nur hörende und/oder gehörlose Lehrkräfte mit Gebärdensprache. Jedes gehörlose Kind innerhalb der Klassen wird individuell betreut: abhängig von individuellen Fähigkeiten der Kinder nach unterschiedlichen Lehrplänen der Volksschule, Hauptschule oder Sonderschule. Für gehörlose bzw. gebärdensprach-orientierte Kinder gibt es im Bildungsinstitut keine entsprechenden Lehrpläne nach Sekundarstufe II (ab Schulstufe 9). Dieses Privileg wird nur hör- und lautsprachlich orientierten Kindern zugestanden, die in die Integrationsklassen gehen.

Fast immer erhalten gehörlose Kinder wenige Hausübungen pro Woche, sie werden wenig gefordert. Einige gehörlose Eltern, die selbst damals als Kinder nach dem Sonderschullehrplan unterrichtet wurden, lassen ihre gehörlosen Kinder dort nicht unterrichten. Sie wollen es ihren Kindern ersparen und schicken sie lieber stattdessen in andere Schulen.

Fall 2:

Wie zuvor erwähnt, werden in Integrationsklassen im Gehörlosen-Bildungsinstitut hochgradig hörbehinderte Schulkinder, die vorzugsweise mit CI versorgt sein müssen, gemeinsam mit hörenden Kindern unterrichtet. Mir wurde mehrmals berichtet, dass gehörlose oder hörbehinderte Kinder ohne CI keine Chance hätten, in eine dieser Integrationsklassen zu gehen. In diesen Klassen steht der hör- und lautsprachgerichtete Unterricht im Vordergrund.

Die Gebärdensprache wird vom Unterrichtsgeschehen verbannt, ja die hörbehinderten Kinder sollen untereinander möglichst nicht gebärden. Offensichtlich geschieht dies nach „ausführlicher Beratung“ auf Wunsch der Eltern und unter entsprechender Aufsicht der Lehrerinnen und Lehrer. Kinder in Integrationsklassen genießen Vorteile gegenüber Kindern in Gehörlosenklassen: ihnen stehen wegen der Regelschullehrpläne (Primarstufe, Sekundarstufe I, Sekundarstufe II) bessere Bildungschancen offen.

Nun ist folgende Begebenheit sehr bemerkenswert, welche mir zugetragen wurde: einige der hörbehinderten Kindern werden zusammen mit anderen Kindern, darunter auch gehörlose Kinder, während der Nachmittagszeit im Hort (welcher am Bundesinstitut angeschlossen ist) von hörenden Erzieherinnen und Erziehern betreut. Ihre Aufgabe ist es unter anderem, gehörlosen und hörbehinderten Kindern bei den Hausaufgaben zu helfen.

Im Laufe der Zeit stellten einige von den Horterzieherinnen und -erziehern fest, wie viele gehörlose Kinder Probleme beim Erfassen des Inhaltes und Lösen ihrer Hausaufgaben haben, insbesondere in den Fächern Deutsch und Mathematik. Die Erzieherinnen und Erzieher zogen daraus Konsequenzen und gehen sogar in Gebärdensprachkurse auf eigene Rechnung. Es gibt da von Seiten Bildungsministerium keine finanzielle Förderung. Sie bemühen sich, gehörlosen Kindern die Aufgaben in Gebärdensprache zu erklären. Sehr lobenswert!

Aber es kann doch nicht sein, dass Erzieherinnen und Erzieher die Lehrerfunktion quasi übernehmen, während die im Bundesinstitut fest angestellten Lehrerinnen und Lehrer daran scheitern, ihren Schulkindern die Unterrichtsinhalte in ÖGS zu vermitteln. Der Grund dürfte darin liegen, dass die verantwortlichen Lehrkräfte keine oder zu niedrige Sprachkompetenz in ÖGS aufweisen.

Und hier fängt das „Problem“ an: hörbehinderte Kinder aus den Integrationsklassen werden im Hort zusammen mit gehörlosen Kindern aus den Gehörlosenklassen betreut. Wenn eine Erzieherin oder ein Erzieher mit gehörlosen Kindern gebärdet (um bei Hausaufgaben zu helfen), ist es unvermeidlich, dass die anwesenden hörbehinderten Kinder beim Anblick der „fliegenden Hände“ von der Erzieherin oder vom Erzieher wissen wollten, wie man Wörter gebärdet. Also zeigte man ihnen einige Gebärden. Die hörbehinderten Kinder waren von der Schönheit der Gebärdensprache offensichtlich so begeistert, wie es andere Kinder auf natürliche Weise auch sein können.

Wie aus dem Nichts fingen hörbehinderte Kinder in der Integrationsklasse an, sich untereinander mit ihren ersten Gebärden auszutauschen. Eine Lehrerin erwischte sie in flagranti und verständigte die Frau Direktorin über diesen „Vorfall“, als ob Gefahr im Verzug sei. Die Direktorin hatte die Horterzieherinnen und -erzieher angewiesen, mit hörbehinderten Kinder aus den Integrationsklassen unter keinen Umständen zu gebärden. Sie sieht es auch nicht gerne, dass immer mehr Horterzieherinnen und -erzieher Gebärdensprachkurse besuchen.

Warum wird die Gebärdensprache in den Integrationsklassen so angefeindet? Ganz offensichtlich will die Schulleitung sich gegen die Ausweitung der Gebärdensprache im ganzen Institut stemmen. Damit wird auch das Vorurteil gestärkt, dass die Gebärdensprache den Erwerb der Lautsprache behindern würde. Für diese weit verbreitete Behauptung gibt es keinen wissenschaftlichen Beleg! Im Gegenteil, die Wissenschaft bescheinigt der Gebärdensprache fördernde Effekte für den Erwerb von weiteren Sprachen, sei es gesprochen, geschrieben oder gebärdet.

Die räumliche und physische Trennung zwischen den Personen nach Lautsprache oder Gebärdensprache beginnt bereits im Kindergarten im Gehörlosen-Bildungsinstitut. Auch da wird peinlich darauf geachtet, dass hörbehinderte Kinder mit CI nicht in Kontakt mit gehörlosen bzw. gebärdenden Kindern treten.

Ich sehe in der Aufteilung und Trennung nach Lautsprache und Gebärdensprache im Bildungsinstitut ein Instrument der sozialen Segregation (Fremdbestimmung von oben) und das Gegenteil der Inklusiven Bildung. Da hat wohl niemand an das böse Wort „Apartheid“ gedacht. Ja, das hat sich eigentlich auf die Hautfarbe bezogen, aber da kann man doch ins Nachdenken kommen, oder?

Fall 3:

Im Gehörlosen-Bildungsinstitut ist eine hörende Schulpsychologin beschäftigt. Man könnte meinen, dass die Psychologin die Österreichische Gebärdensprache (ÖGS) beherrscht. Denn sie sollte für gehörlose und gebärdensprachige Schulkinder direkt erreichbar sein, wenn sie benötigt wird. Mir wurde dennoch folgender Fall berichtet: eine gehörlose Schülerin ist beim Gehörlosen-Bildungsinstitut angemeldet und geht gemeinsam mit vier weiteren gehörlosen Kindern in eine integrative Klasse (AHS-Unterstufe) in einem Bundesgymnasium. Sie benötigte aufgrund der Schwierigkeiten im Unterricht eine psychologische Betreuung. Ihre gehörlose Mutter kontaktierte die Psychologin vom Bundesinstitut und stellte beim direkten Gespräch fest, dass die Psychologin die ÖGS nicht beherrscht und daher mit ihrer gehörlosen Tochter nicht kommunizieren kann. Sie musste daher stattdessen auf eine andere Psychologin ausweichen, die zum Glück die ÖGS beherrscht. Sie musste für die psychologische Betreuung ihrer Tochter aus eigener Tasche bezahlen. Im Falle der Psychologin vom Bildungsinstitut hätte es nichts gekostet, weil die Schülerin ja dort angemeldet ist.

Das gleiche Problem trifft sowohl bei Junglehrerinnen bzw. -lehrern als auch bei Therapeutinnen bzw. Therapeuten, Zivildienerinnen bzw. Zivildienern im Bildungsinstitut zu. Mir wurde von Fällen berichtet, dass sie im Beisein von gehörlosen Kindern nicht gebärden, sondern nur laut sprechen oder sich nicht trauen, vollständig zu gebärden. Gehörlose Kinder bekommen nicht mit, was über sie gesprochen wird, leiden unter Kommunikationsproblemen und werden so auf unmenschliche Weise diskriminiert.

Die gehörlose Mutter will diese Sache nicht auf sich beruhen und hat vor kurzem ein Schlichtungsverfahren nach dem BGStG mit dem Bildungsministerium bzw. mit dem Wiener Stadtschulrat eingereicht, weil keine Vorsorge getroffen wurde, dass die Schulpsychologin über die Sprachkompetenz in ÖGS verfügt.

Fall 4:

Mir sind einige Berichte bekannt, wo hörende Lehrkräfte – die im Gehörlosen-Bildungsinstitut fest angestellt sind und ebendort oder in kooperierenden Schulen arbeiten – aufgrund ihrer mangelnden Sprachkenntnissen in ÖGS überfordert sind und während des Unterrichts oder beim Gebärdensprachkurs (den sie eigentlich nicht geben dürften!) zwischendurch gehörlose Kinder im zarten Alter(!) fragen, wie ein oder mehrere Wörter gebärdet werden. Nicht selten kommt es vor, dass sie die elementaren Gebärden falsch ausführen.

Es handelt sich keineswegs um Einzelfälle. Das Bildungsministerium trägt durch seine jahrelange – wenn nicht jahrzehntelange – Untätigkeit bzw. Vernachlässigung die Hauptverantwortung.

Fall 5:

Was alle Kinder im Gehörlosen-Bildungsinstitut angeht, kommt es praktisch täglich vor, dass hörende Kinder aus den Integrationsklassen gehörlosen Kindern aus den Gehörlosenklassen begegnen. Sie können nicht miteinander kommunizieren, weil erstere über keine Gebärdensprachgrundkenntnisse verfügen. Gehörlose Kinder fühlen sich diskriminiert, da sie nicht verstehen, was hörende Kinder (über sie?) reden!

Es herrscht Alltags-Segregation im Bildungsinstitut: gehörlose Kinder und Lehrkräfte werden als minderwertig angesehen – Frau Direktorin Strohmayer ist der Ansicht, dass die Gebärdensprache „keine natürliche Sprache“ sei. Inklusion ist für sie ein Fremdwort.

Meine Vision für die Bildung von gehörlosen Kindern in der Zukunft…

1. Vision: Neu oder bisher fest angestellte Lehrerinnen und Lehrer des Bildungsinstituts erhalten vom Bildungsministerium die Verpflichtung, ein umfassendes Ausbildungsprogramm für ÖGS und Bilingualer Unterricht auf Bachelor und Master-Ebene abzulegen.

Derzeit ist es so, dass es Lehrerinnen und Lehrern – so sie mit gehörlosen Kindern arbeiten wollen – freisteht, einen ÖGS-Kurs im Ausmaß von ca. 70 Stunden ohne Prüfungsnachweis bezüglich Sprachkompetenz in ÖGS abzulegen. Ich bin überzeugt, dass es für gehörlose Schulkinder das Beste wäre, wenn Lehrkräfte einen ÖGS-Kurs mit Prüfungsnachweis ablegen, wobei darauf geachtet wird, dass sie die ÖGS-Kompetenzstufe mindestens B2 (bzw. C1 für Sekundarstufe II) erreichen. Im Prinzip muss der Ausbildungsplan für alle hörenden Lehrerinnen und Lehrer, die Fremdsprachen in Schulen unterrichten, im Sinne des Gemeinsamen Europäischen Referenzrahmens für Sprachen (GERS) geändert und auf Bachelor bzw. Master-Ebene gehoben werden. Gehörlose Lehrerinnen und Lehrer sollen natürlich ebenso auf gleiche Weise auf Sprachkompetenz in ÖGS und Deutsch (schriftlich) geprüft werden.

2. Vision: Lehrpläne für Bilingualismus (ÖGS und Deutsch als gleichberechtigte Unterrichtssprachen) für Primarstufe, Sekundarstufe I und Sekundarstufe II mit Möglichkeit, die Maturaprüfung zu absolvieren.

Vom Bildungsministerium existieren lediglich der „Lehrplan der Sonderschule für gehörlose Kinder“ und das „Curriculum und Prüfungsordnung für den Hochschullehrgang Hörgeschädigtenpädagogik“. Zur Anwendung des Bilingualismus im Unterricht sind sie nicht geeignet.

3. Vision: mehr gehörlose und gebärdensprachige Lehrerinnen und Lehrer im Bildungsinstitut. Sie erfüllen eine wichtige Vorbildfunktion für gehörlose Kinder.

4. Vision: Umsetzung der ICED-Resolution von Vancouver 2010 und der UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen (Artikel 24)! Der Lehrplan der Sonderschule für gehörlose Kinder wird ersatzlos gestrichen. Keine räumliche und physische Trennung nach Lautsprache und Gebärdensprache im Gehörlosen-Bildungsinstitut mehr. Bilinguale Schule und somit Inklusive Schule für alle gehörlose, hörbehinderte und hörende Kinder! Es ist in Wien ein Kompetenzzentrum für Bilingualer Unterricht (Schwerpunkt ÖGS und Deutsch) mit Multiplikatorenfunktion für andere Inklusive Schulen in Österreich sind dringend notwendig.

5. Vision: Übernahme der Kosten für Gebärdensprachdolmetschung für gehörlose und hochgradig hörbehinderte Kinder ab Sekundarstufe II in Inklusiven Schulen österreichweit.

6. Vision: Angebote zur Bewusstseinsbildung (nach Artikel 8 der UN-Behindertenrechtskonvention), um das selbstverständliche Miteinander von gehörlosen, hörbehinderten und hörenden Menschen im Unterricht zur Normalität werden zu lassen. Das beinhaltet auch, dass an Schulen – nicht nur dann, wenn gehörlose Kinder sie besuchen – die Gebärdensprache und Gehörlosenkultur Anwendung findet (z.B. als Unterrichtsfach).

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0 Kommentare

  • Ob eine Sonder(Foerder)schule oder Schulung mit hoerenden Schuelern die bessere fuer das taube Kind sei, ist hier nicht das Anliegen. Das groesste Anliegen ist eher, ob die Gebardensprache als Teil eines bilingualen Schulprogramm im Unterricht und Schulallteag benutzt wird oder nicht. Die Macht, die noch den Schulalltag bestimmen, ist audistisch und gibt dem Hoeren und der Lautsprache noch den absoluten Vorrang, und entscheiden dementsprechend (siehe GS-inkomptenten Psychologe im BIG, obwohl es eine GS-kompetente in der Stadt gibt; in der Elternberatung spielt die Gebaerdensprache eine untergeordnete Rolle). Wenn taube Advokate fuer eine inklusive Beschulung fuer taube Kinder plaedieren, ist es zumeist, weil die Schule fuer taube Kinder versagt haben und sie nicht bilingual gestaltet wurden. Darin tragen die Direktor der BIG und der betreffende Ressortleiter im Bildungsministerium die Hauptschuld fuer die Misere.

  • Es ist unmenschlich, über uns taube Menschen bestimmen zu können.
    Genauso ist es unmenschlich, wenn Menschen zu uns sagen: wir sollen nicht übertreiben und uns an der Gesellschaft anpassen. Wir sollen also die Ja-Sager werden und uns die unmenschliche Teilabe gefallen lassen.
    Nein und noch mal NEIN!

    @Kritiker: Die Gesellschaft entsteht nicht einfach so und braucht uns die Minderheitsgruppen zur Bewusstseinsbildung und Zusammenleben.
    Wir sind eine sprachliche, kulturelle Minderheit, d.h. ethnische Minderheit genauso wie alle anderen Gruppen, die von der einseitiges Mehrheitsgesellschaft unterdrückt werden.

    Macht nichts, dafür gibt es uns, die kleine winzige Gruppen.. denn viele kleine Menschen, die an kleine Orte leben, können viele kleine Schritten tun und das Gesicht der Welt verändern.

    Grüße aus Bremen, Deutschland. jen

  • Interessant – was ich lese gefällt mir überhaupt nicht! Hat sich im BIG wirklich nichts geändert? Schlimm. Als ich vor vielen Jahren die Direktorin angerufen habe und erzählt habe, dass ich ÖGS-kompetent bin und gerne meine Diplomarbeit über das BIG schreiben möchte hat sie mich sofort recht unfreundlich abgewiesen, damals dachte ich schon, dass sie wohl etwas gegen Gebärdensprache hat.
    An meiner Schule (SPZ 15) gibt es eine Klasse mit 15 Kindern, in der es 3 ÖGS-Kompetente Lehrerinnen gibt, der gesamte Unterricht ist bilingual (ich bin der Ersatz, falls eine der Lehrerinnen krank wird, unterrichte aber in einer anderen Klasse) – DAS ist ein Vorbild!! Wenn „meine“ Kinder die gehörlosen Kinder sehen sind sie immer ganz neugierig und als ich ihnen letztes Mal einige Gebärden gesehen habe waren sie so aufmerksam wie sonst kaum.
    Und sogar in einer Schule für schwerstbehinderte werden Gebärden (mache gerade dort mein Praktikum) eingesetzt – zwar vereinfacht, aber immerhin! Ich finde es furchtbar, dass an einer Schule für Hörbehinderte Gebärdensprache nicht zum Standard gehört sondern eher ein Tabuthema ist

  • Und jetzt darf man eifrig rätseln, wer hier so sicher ist und wer voller Zweifel.

  • „Das ist der ganze Jammer: Die Dummen sind so sicher, die Gescheiten so voller Zweifel.“ Bertrand Russell, 1872-1970

  • Der gesellschaftliche Trend contra Förderzentrum (ehemals Sonderschule) für gehörlose und schwerhörige Kinder und pro Inklusion ist auch in Bayern nicht aufzuhalten, siehe Taubenschlag http://www.taubenschlag.de/meldung/7029

  • Ich bin auch Kontra. Kontra der BEZEICHNUNG Sonderschule. Diese Bezeichnung wertet automatisch die Schule ab, welche man besucht. Und ich bin Kontra der annahme, dass Gehörlose/Schwerhörige Kinder nicht das selbe lernen „können“ wie normal hörende. Es ist klar dass der Unterricht in einer anderen Form stattfinden muss, um die Kommunikationsbarriere zu überwinden. Aber die Bezeichnung Sonderschule ist dann irreführend und behindert den weiteren Bildungsweg bzw. Arbeitsweg. Auch in Linz gibt es immer noch zu viele Barrieren, meiner Meinung nach ist es sogar ein Rückschritt, wie der Unterricht heute stattfindet. Die „Gehörlosen-Klassen“ sind irgendwie Klassen, worin Kinder sind, die nicht besonders gut sind. Dementsprechend drängen immer mehr Eltern mit ihren Kindern zu den Integrationsklassen, worin das Niveau viel höher ist. Was mich auch besonders stört ist, dass offensichtlich kaum gehörlose Elter mit gehörlosen/sh Kindern für das Niveau kämpfen. Nur davon reden und nichts tun wird keinen Fortschritt zeigen. Ich bin sicher, dass auch viele der Lehrer lieber eine andere Unterrichtsform anwenden wollen. Doch wenn sie sich an das „Gesetz“ halten müssen, wird es nie anders. Für mich war die Schule mit SH/GL ein Segen, da ich in der 2.Klasse ertaubte u. ab der 3. dort hin wechselte. Alles sollte man nicht schlecht machen, aber das Niveau und die Kommunikation gehört unbedingt überarbeitet. Man ist nicht automatisch „beschränkt“ wenn man nichts hört. Es hilft alles nichts, wenn sich nicht die Eltern endlich stark machen und gemeinsam, GESCHLOSSEN versuchen, mit der Schule/Direkton etwas zu ändern. Die meisten wollen leider nichts sagen, da sie von vornherein glauben, nichts bewirken zu können. Und warten darauf dass es besser wird bzw. dass sich jemand anderer bemüht. Leider werde ich das Gefühl nicht los, dass es immer mehr Rückschritte gibt anstatt positive Veränderungen.

  • Die Haltung der SchulleiterInnen gegenüber der ÖGS und der gesamten Gl-Kultur an den Schulen wie BIG und Schwerhörigenschule et. Lässt sich so rasch nicht ändern. Umso wichtiger ist es, dass die Gehörlosen untereinander nicht ständig streiten und sich und ihre gemeinsamen Ziele behindern. Liebe gl-community: lasst euch nicht noch zusätzlich von der Jarmer-Krimi-Fraktion diskriminieren, sondern vertretet eure Interessen selber und vor allem mit Herz und Engagement, dann wird man euch hören!

  • bin selber schwerhörige lehrerin und kenne auch die problematik der kinder an den schulen aus eigener erfahrung. mich hat meine nicht akzeptierte schwerhörigkeit letztendlich meinen job gekosten.
    finde es sehr gut, dass die missstände aufgezeigt werden, bezweifle jedoch dass sich sobald was ändern wird. gehörlosigkeit und schwerhörigkeit wird in meinen augen eigentlich nicht akzeptiert, nicht mal an den stellen die dafür vorgesehen sind.
    man verlangt von den nicht hörenden sich der hörenden welt anzupassen. dabei sollte doch jeder die hälfte des weges gehen um sich in der mitte zu treffen, denke ich. das würde allerdings eine menge akzeptanz voraussetzen, die ICH so noch nicht erfahren habe. sehr schade und traurig eigentlich im jahr 2011!

  • @Ein Leser: Ich bin nicht für die Ghettoisierung und das wird auch nicht betrieben, wenn Sie das so verstanden haben. Es geht darum, daß es zu einer echten Inklusion mit Gebärdensprache kommt und nicht gegen sie. Allein die Wortwahl „Ghettoisierung“ ist das Gegenteil von Inklusion.

    Mit umgekehrte Diskriminierung meine ich, dass auch unter den den Menschen mit „Hörbehinderungen“ Diskriminierung betrieben wird.

    Ohne Kultur kann es keine Sprache geben und umgekehrt. Alles andere wäre in diesem Fall sozusagen eine „medizinische Verblendung“.

    Was meine Antwort auf Hr. Pisecky betrifft, habe ich nur darauf hingewiesen, dass vielleicht unabsichtlich eine Bewertung stattgefunden hat, die nicht so gewollt war. Ich finde seine Wortmeldung toll, weil er das ganz offen und ehrlich unter seinem echten Namen tut. Er hat natürlich sein Recht auf freie Meinungsäußerung und diese habe ich keineswegs beschnitten. Nicht umsonst ist es hier ein Diskussionsforum! ;)

  • Zur Beachtung, der letzte Beitrag ist nicht von „Ein Leser“, also mir, sondern von wem anderen. Zur Seilschaft „Jarmer-Huber-und Consorten“ wollen wir da aber nicht wirklich eingehen, sonst wird es ein Kriminalroman ;-)

  • Leider ist so, wenn einer drauf hackt und unmögliches verlangt:“ Es soll besser werden.“ Wo sind die Leute, die mal zusammen sitzen und Meinung und Idee austauschen. Kein Wunder, wenn Kritiker nicht in die Schule kommt und mit tun statt von draußen auf Big und auf anderen schimpfen und kritisieren. Diese Sachen hängt mir schon aus dem Hals. Schau, immer gleiches Bild, nur negativ kritisieren. Es ist ja neue Hobby und Interesse von Lukas Huber und sein Team. Es ist ja schade, wenn die SchülerInnen außerhalb von BIG und Schwerhörige Schule in einer Integrationsklasse besuchen. Am Anfang schaut super aus, aber in laufende Zeit werden die SchülerInnen immer mehr zu Außenseiter. Ich kenne aus meine Erfahrung und Erlebnisse. Es wäre toll, wenn alle Eltern, Kritiker,Gehörlose, Schwerhörige, LehrerInnen und Hort-Erzieherinnen zusammen arbeiten statt gegeneinander arbeiten.

  • Ghettobildung ist immer ein Ausdruck der Ausgrenzung.
    Wie man durch Beführwortung der Gehttobildung eine Integration (sie nenne es Inklusion?) fördert verstehe ich jetzt nicht wirklich, können Sie das genauer erklären?
    Eine „umgekehrte Diskriminierung“ ist ebenso ein etwas komisches Wortspiel, das sollte dann ja KEINE Diskriminierung bedeuten, oder sehe ich das jetzt falsch?

    Richtig ist, das Gebärde sehr wichtig für Gehörlose ist. Man sollte sie aber als das sehen was sie ist: Eine wegen dem Unvermögen des Hörens der akustischen Sprache geschaffene Plattform zur Kommunikation. So wie es doch auch die Sprache oder auch die Schrift ist. Also durchaus ein notwendiges Mittel um eine Eingliederung (Inklusion?) zu ermöglichen.
    Aber das man die Gebärdensprache als Kultur bezeichnet, versteh ich nicht wirklich. Können Sie das vielleicht hier genauer erklären wie Sie das verstehen?

    Bzgl. Ihrer Anmerkung zu Hrn. Pisecky – er hat seinen Sohn sicher nicht als etwas „besseres“ hingestellt wie sie das vermuten. Sondern er bewertet schlicht udn einfach die Situation seinen Sohnes so wie sie sich ihm und seinen Sohn stellt. Das ist sein legitimes Recht. Und es ist unrichtig ihm Abfaelligkeit gg. GL zu unterstellen.

  • @Ein Leser:

    Warum gegen die Ghettoisierung von Gehörlosen zu wirken? Auf diesem Wege schafft man keine Inklusion, ganz im Gegenteil, sie nimmt dann radikal zu. Das ist eine umgekehrte Diskriminierung, die leider noch gang und gäbe ist.

    Inklusion ist ohne Gebärdensprache nicht möglich, das beweisen die bisherigen Erfahrungen. Bisher wurde immer gegen die Gebärdensprache agiert und genau darin liegt die Ursache.

    Solange man die Gebärdensprache nicht als eigene Sprache und Kultur akzeptiert, ist jede Versuch der Inklusion zum Scheitern verurteilt. Denn die Gebärdensprache bildet eine wichtige Basis für jede andere Sprache! Das weiss ich aus eigener Erfahrung (ich war nie in einer Gehörlosen- oder Sonderschule und habe die Gebärdensprache sehr spät gelernt, dank ihr endlich ein generelles Sprachgefühl – welches keine einzige Schule mir vorher vermitteln vermochte)!

    @Manfred Pisecky:

    Es ist wunderbar, was Sie schreiben! Jedoch stellen Sie Ihr Kind besser dar, indem es „ausweichen“ kann. Ich frage mich hier nur, ob diese Formulierung subtil wie ein Schuß nach hinten losgeht? Jemand, der gar nichts hört, wird hier unterschwellig abgewertet. Ich glaube, diese Abwertung ist nicht nötig,
    auch wenn Sie es gut meinen.

    ÖGS Angebote sind möglich, man will es nur nicht wahrhaben. Man kann nicht erwarten, dass Ressourcen sofort da sind, wenn diese doch ein Jahrhundert lang unterdrückt worden ist. Dass diese aufgebaut werden müssen, dürfte jedem klar sein. Es sind hier Investitionen zu tätigen, die sich nicht sofort amortisieren, aber langfristig jedoch sicher! Es ist eine sensible Materie, es ist deswegen so schwierig es zu akzeptieren, weil die Behörden „in ihren Augen“ keine Präzedenzfälle schaffen wollen, weil Umstrukturierungen notwendig sind. Bestes Beispiel ist die generelle österreichische Bildungspolitik, Reformen werden gerne auf die lange Bank geschoben!

    Um was es hier geht, ist nichts anderes als eine völlig unnötige Vernichtung von Humankapita

  • Ich teile die Ansichten von Lukas Huber nicht.

    Wenn die allen so wollen, dann müssen die Behinderten die Mittel kürzen, das ist doch alles sehr unpopulär. Warum soll eine Regierung das machen?

    Und Apropos @Ein Leser über die Ghettoisierung unter Gehörlosen: Ich habe gedacht, dass die Ghettoisierung der Hörenden wie in den USA üblich ist und umgekehrt könntest du ja auch argumentieren, dass sich der behinderte Schüler schon irgendwie durchbeißt. Das war leider nicht der Fall. Übrigens sind die Gehörlosen in der Minderheit, das könnte die Entmenschlichung bedeuten, falls sie mehr fordern.

  • Als Spätertaubter und ehemaliger Schüler der Schwerhörigenschule in der (damals) Waltergasse – ab der 3. Klasse HS – war ich ja recht froh NICHT in der Maygasse gelandet zu sein. Trotzdem war die Waltergasse ein echter Bildungsschock als hier der Ausbildungsstandard zwischen der „normalen“ HS in diese Sonderschule offenbar wurde und ich diese hautnah zu erleben gezwungen war.

    Zur Sache gesagt, ich stelle fest das hier vollmundig ueber Verfassung und UN-Konventionen referiert wird. Offensichtlich aber nicht mal bedacht wird, dass die Republik Österreich, vertreten durch den Unterrichtsminister den wir alle sehr teuer zu bezahlen habe, es nicht mal schafft die „normalen“ Schulen auf eine Linie zu bringen und im Standard zu heben. Das lässt schwere Zweifel aufkommen das diese herrschaften es schaffen so schwierige Integrationen von Behinderten in den Normalunterricht (besonders Sinnesbhinderte wie Gehörlose) auch nur Ansatzweise zufriedenstellend zu adaptieren.

    Viel wichtiger waere es, gegen diese starke Ghettobildung unter den Gehörlosen zu wirken. Solange Gehörlose nur unter sich bleiben (wollen), wird es keine echte integration geben – UN-Konventionen hin oder her! Es liegt also nicht nur an den (ach so schlechten) „Normalen“ sondern auch an den Behinderten die sich gerade bei den Gehörlosen selbst behindern.

  • Danke für den Beitrag. Ich kann die von Lukas Huber aufgezeigten Fälle nicht beurteilen, aber seine Vision ist gut und sinnvoll. Mein Sohn ist selbst gehörlos mit CI und wächst bilingual auf. Und er ist erst durch die ÖGS zur Lautsprache gekommen und möchte sie auch sprechen(!), er ist also selbst das beste Gegenbeispiel für die aktuelle Denkweise. Unsere eigenen Erfahrungen mit dem BIG sind eigentlich gut, wobei unser Sohn nicht im BIG selbst, sondern in eine Expositurklasse geht.
    Wir haben allerdings selbst um die jetzige Lösung kämpfen müssen, es handelt sich um eine bilinguale Mehrstufenklasse (Sekundarstufe 1). Mein Sohn wird dort, mit Ausnahme von Deutsch, auch im Regelschullehrplan unterrichtet und das funktioniert sehr gut. Aktuell erarbeiten wir gemeinsam mit BIG uns Stadtschulrat eine Lösung für die Sekundarstufe 2. Mein Eindruck hier ist, dass der Wille sehr wohl da ist (BIG wie auch Stadtschulrat), dass das Hauptproblem aber die Ressourcen und die Regeln des Schulsystems sind, nicht der Wille der Verantwortlichen. Da gehört angesetzt (die Entscheider haben leider keine Ahnung von der täglichen Praxis). Wir Eltern wissen aber auch, was WIR wollen, da scheitert es bei vielen Eltern auch am Wissen, was möglich ist.

    Von Verbot des ÖGS für Lehrkräfte habe ich auch schon gehört, das ist einfach absurd. ÖGS wird verboten, aber es wird gefördert, dass Kinder schon im Kindergarten Englisch lernen – absurd. Wie Lukas Huber richtig gesagt hat, ÖGS ist in den Köpfen keine vollwertige Sprache, das ist das Hauptproblem.

    Bei rein gehörlosen Kindern ist die Situation sicher viel schwieriger als in unserem Fall, da unser Sohn auch auf die Lautsprache ausweichen kann. Wenn das nicht möglich ist, dann muss es dafür auch ÖGS-Angebote geben. Da stehe ich voll hinter Lukas Huber.

  • Diese Missstände im BIG sind seit Jahrzehnten bekannt. Das System wird sich nur leider nicht so schnell ändern und schon gar nicht mit einer ÖGLB-präsidentin, die nach dem Parteiprogramm der Grünen handelt und sich öffentlich als eh nicht behindert bezeichnet, denn dann ist ja eh alles in Ordnung.
    Viele hunderte Gehörlose wurden durch das BIG ihrer beruflichen Zukunft beraubt, da man ihr Potential durch konsequente Verweigerung der ÖGS verkümmern ließ. Umso wichtiger ist, dass sich die Gehörlosen endlich zusammentun und eine echte Lobby abseits politischer Interessen gründen. Es wird höchste Zeit, dem Stillstand und dem Missstand entgegen zu wirken. Guter Beitrag, übrigens.

  • Ich bin sprachlos …