Induktionston im Stephansdom – ein Erlebnisbericht

Ich möchte diesmal von einem Erlebnis berichten, das mich sehr tief berührt und mit großer Freude erfüllt hat. (Der Artikel ist in Sprachrohr-Ausgabe 4/2011 erschienen.)

Wiener Stephansdom
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Dazu muss ich aber noch in meine Vergangenheit reisen, bevor ich zum aktuellen Erlebnis komme:

Zunächst noch kurz zu meiner Person: Ich bin von Geburt an schwerhörig. Aufgewachsen bin ich in einer katholischen Familie, in der dieser Glaube auch gelebt wurde. Meine Mutter erkannte wahrscheinlich, dass ich aufgrund meiner Schwerhörigkeit die Messen nicht mitverfolgen konnte und initiierte in unserer Pfarre einen Kindermesskreis, der jeden Freitag stattfand.

In diesem Rahmen erarbeitete sie mit mehreren Kindern die Inhalte der kommenden Sonntagsmesse und zweimal im Monat durften wir Kinder die Messen auch musikalisch mitgestalten. Auf diese Weise konnte ich sehr viel über die Geschichten und die Inhalte des Glaubens lernen und auch erfahren. Ich war auch begeisterte Ministrantin, in der ich auch die Erfahrung von Gott in mir machen durfte. Ich konnte Messteile auswendig aufsagen. Diese kann ich auch heute noch gedanklich mitbeten.

Leider starb meine Mutter und der regelmäßige Kindermesskreis wurde eingestellt. Ich ministrierte noch einige Jahre, aber mir wurde immer mehr bewusst, dass ich den lebendigen Teil der Messe nicht mitverfolgen kann. So zog ich mich immer mehr vom Pfarrleben zurück und besuchte nur noch gelegentlich eine Messe.

Induktionsanlage im Wiener Stephansdom

Jetzt betreue ich die Liste aller in Österreich installierten Hörhilfsmittel. Daher wusste ich, dass auch in der Dompfarre St. Stephan, also im Wiener Stephansdom eine Induktionsanlage vorhanden ist. Diese wollte ich einfach testen. Laut dieser Liste ist es im linken Seitenschiff im ersten Bankblock verlegt. Ich war mir aber nicht sicher, ob die Induktionsanlage auch funktionierte, wenn ich im linken Seitenschiff sitze und im Hauptschiff (also in der Mitte) eine Messe gelesen wird.

Am Sonntag 30. Oktober 2011 besuchte ich daher die 9 Uhr Messe und setzte mich in den angegebenen Bereich, um zu sehen ob es tatsächlich funktioniert. Ich gebe zu, ich war sehr überrascht! Nicht nur, dass ich es hörte und somit funktionierte. Ich musste auch nicht sagen: „Bitte, ich bin schwerhörig, können Sie mir die Anlage einschalten?“ Ich konnte mich einfach hineinsetzen und zuhören.

Die größte Überraschung war allerdings, dass ich jedes einzelne Wort verstand und zwar unabhängig davon, ob ich das Gesicht der sprechenden Person dazu sah oder nicht! UND: Die Messe wurde im Hauptschiff und nicht im linken Seitenschiff abgehalten! Ich war begeistert! Es war das erste Mal in meinem Leben, dass ich eine Messe selbständig mitverfolgen konnte! Dies ist ein wesentlicher Schritt für schwerhörige Gläubige, barrierefrei eine Messe mitfeiern zu können.

Ein Punkt störte mich allerdings

Es wird NIRGENDS, weder auf der Homepage der Dompfarre noch im Stephansdom, darauf hingewiesen, dass es in diesem Bereich eine induktive Höranlage gibt. Es gibt weder ein Piktogramm noch irgendeine Erklärung in dieser Richtung. Die wenigsten betroffenen Menschen wissen daher, dass es eine Induktionsanlage in dieser Domkirche gibt.

Ich habe den Stephansdom zwar in der oben angeführten Liste, aber es ist dringend erforderlich, dass auch vor Ort ein Piktogramm betreffend Induktionston vorhanden ist. Zumindest sollte es ersichtlich sein, dass es diese Möglichkeit für schwerhörige Personen gibt bzw. auch die Information, dass die Induktionsanlage auch in jeder Messe, unabhängig davon, wo die Messe abgehalten wird, eingeschaltet wird. Ich habe daher mit der zuständigen Stelle schon Kontakt aufgenommen und hoffe, dass auch diese unbefriedigende Situation noch verbessert wird.

Da es mir so gut gefallen hat, werde ich auch die nächsten Kirchen „ausprobieren“ und testen, wie diese funktionieren. Sollte eine dabei sein, die nicht funktioniert, wird es von der Liste gestrichen bzw. mit den Verantwortlichen darüber gesprochen.

Fazit

Barrierefreiheit im Sinne von gutem Hören ist durchaus möglich! In diesem Sinne wünsche ich Ihnen eine schöne Adventszeit und ein gesegnetes Weihnachtsfest!

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0 Kommentare

  • Liebe Jutta, danke für diesen tollen Bericht – ich freue mich auf die Fortsetzung weiterer Kirchen mit induktiven Höranlagen. Beste Grüße Judith Göller

  • Liebe Jutta Pisecky, schön dass Sie dieses Erlebnis hatten. Anzumerken ist, dass gerade Kirchen, Pfarren oft nicht barrierefrei für Rollstuhlfahrer zugänglich sind. Ferner stört mich das Wort „Messe“ – Gottesdienst wäre sachlicher. Wobei gerade im Stephansdom, wo bei Führungen, die finden tagsüber laufend statt, Eintrittsgelder verlangt werden – sehr interessant. Als ich im Sommer als „Rolli“ im Dom war, kam es mir vor, als ob ich in einem Museum wäre. Als „Rolli“, musste ich kein „Eintrittsgeld“ bezahlen – Ob dieses muntere Business-Treiben dem Herrn Jesus Christus gefallen hätte, bezweifle ich.