Isoliert und vergessen? Zum Lebensalltag von Menschen mit Behinderung

Die letzten Wochen und aktuellen Maßnahmen rund um die Corona Pandemie zeigen, wie es um Inklusion in unserer Gesellschaft steht und wo sie endet.

Rollstuhl vor Paragraphenzeichen
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Menschen mit Behinderung waren und sind in die Erstellung der neuen gesellschaftlichen Verordnungen nicht eingebunden. Sie werden als Zielgruppe zu wenig bis gar nicht wahrgenommen. Nur ein Bruchteil der Informationen zur Corona Krise ist in Leichter Sprache zugänglich. Selbst im neuen Pandemie-Gesetz besteht für diese Zielgruppe kein Schutz vor Diskriminierung. Der Leitsatz „Nichts über uns ohne uns“ gilt für Menschen mit Behinderung in diesen Wochen nicht mehr.

Die derzeitige soziale Ausgrenzung trifft besonders jene Menschen mit Behinderung hart, die in Tagesstrukturen arbeiten und in Wohneinrichtungen leben. Die Tagesstrukturen sind zu einem großen Anteil geschlossen oder im Notbetrieb. Ihre Mitarbeitenden sind zu mehr als 80 Prozent in Kurzarbeitszeit. Fahrtendienste stehen nur sehr eingeschränkt zur Verfügung und Bewohner*innen von WGs erhalten keine Informationen, wann sich dieser Umstand wieder ändert.

Der Ausgang aus den Wohneinrichtungen ist auch dadurch für viele Menschen mit Behinderung nicht möglich. Einige dürfen die WGs nicht verlassen bzw. nur in Begleitung von Betreuungspersonal. Diesem Personal steht für diese Begleitungen jedoch kaum Ressourcen zur Verfügung, wodurch Ausgänge für viele Bewohner*innen seit 9 Wochen nicht bzw. nur vereinzelt (für Einkäufe) möglich sind. Ein Ende dieser Beschränkungen ist nicht in Sicht, Bewohner*innen werden nicht (ausreichend) informiert. Sie haben zudem kaum Zugang zu technischen Ressourcen, um mit ihrem sozialen Umfeld in Kontakt zu bleiben.

Diese Maßnahmen wirken nicht nur auf individueller, sondern auch auf gesellschaftlicher Ebene. Es verändert das öffentliche Bewusstsein: Da viele Menschen mit Behinderung jetzt zu Hause bleiben, tauchen sie im öffentlichen Bild nicht mehr auf. Sie geraten in Vergessenheit und ihre Bedürfnisse werden noch weniger berücksichtigt.

Uns macht diese Situation betroffen und wir sind sehr irritiert, von derartigen Strukturen und Erfahrungsberichten im Jahr 2020 zu hören. Menschen mit Behinderung müssen ausreichend geschützt werden, über jede Beschränkung muss jedoch informiert werden. Sie auf diese Weise zu isolieren und lange im Ungewissen zu lassen, schränkt sie in ihrer Selbstbestimmung und Freiheit ein.

Wir solidarisieren uns mit allen Betroffenen und möchten mit dieser Aussendung die aktuelle Lebensrealität von Menschen mit Behinderung wieder mehr ins Licht rücken.

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4 Kommentare

  • Es ist für mich unverständlich, dass das sein darf, dass in den Einrichtungen in Zeiten wie diesen das Personal eingeschränkt wird, auch wenn einige BewohnerInnen vielleicht vorsichtshalber nach Hause geholt wurden. Die Werkstätten waren oder sind jetzt noch geschlossen, sodass keine Gefahr bestehen kann, dass im Falle einer Erkrankung von einem/einer MitarbeiterIn gleich ein Pflegenotstand eintreten würde. Dann muss halt jemand aus dem Werkstättenbereich auch mal in einer Wohngruppe Arbeit verrichten.
    Kein Wunder dann, dass Leute in Einrichtungen zu wenig aufgeklärt und sozusagen länger als von der Bundesregierung vorgeschrieben „eingesperrt“ wurden. Unerhört!
    Und dann wird vorgeschoben, dass die „Gesundheit des Klientels“ im Vordergrund stehen würde. Der Grund fürs Abschotten sehe ich darin, dass es den Einrichtungsträgern und den politisch Verantwortlichen (wie Behindertenhilfen der Bundesländer) bewusst wird aber nicht zugegeben werden soll, dass das Leben in Einrichtungen die eigentliche Gefahr einer Ansteckung in sich trägt. Da schiebt man lieber die armen, zerbrechlichen behinderten Menschen vor. Wann wird endlich glaubhaft an der von der UN-BRK vorgegebenen De-Institutionalisierung gearbeitet?

  • Aufgrund meiner Behinderung mit den Armen brauche ich da und dort Hilfe. Vor Corona konnte ich jemanden bitten mir behilflich zu sein. Jetzt darf mir keiner helfen weil er sonst den Sicherheitsabstand nicht einhalten kann. Meine Frau kann mir auch nicht überall helfen weil sie seit einem OP Schaden in der Mobilität eingeschränkt ist. Deshalb gehe ich nur mehr dort hin wo ich hingehen muss. Ärzte, Behandlungen.

    • Was ich weiß, wird niemand bestraft, wenn er Ihnen als Mensch mit einer Behinderung hilft.

  • Vielen Dank für diese total wichtige Stellungnahme! Ich haber erst vor ein paar Tagen mit einer Person aus einer WG für behinderte Menschen gesprochen, die 7 Wochen lang die Einrichtung nicht verlassen durfte!!!!! Von anderen Einrichtungen höre ich ähnliche Missstände. Das ist eine massive Einschränkung der Grund- und Freiheitsrechte und sowohl psychisch als auch physisch krankmachen, also wirklich kontraproduktiv. Unfassbar, dass sich nicht viel mehr Angehörige und ErwachsenenvertreterInnen öffentlich zu Wort melden. Es wird offensichtlich einfach akzeptiert, dass behinderte Menschen in Wohneinrichtungen wochenlang eingesperrt werden können. Wer in Privathaushalten lebt, freut sich spätestens seit Ostern über jede Lockerung und Rückkehr zum Alltag, aber die in den Einrichtungen leben, denen kann man das Eingesperrtsein offensichtlich zumuten. Warum empört sich niemand?