Henry Wimile

Kampf um Rechte für behinderte Menschen in Tansania

BIZEPS-INFO sprach mit Henry Wimile, Generalsekretär des Information Centre on Disability in Tansania. Im Interview werden die Herausforderungen, Fehler und Ziele der Behindertenpolitik in Tansania beleuchtet.

Auf Einladung der Organisation „Licht für die Welt“ stattete Henry Wimile – Gründer einer Behindertenorganisation in Tansania – Österreich einen Besuch ab. Wir nutzten die Gelegenheit und führten mit ihm folgendes schriftliches Interview.

Henry Wimile (45) ist blind und absolvierte die Studien Politikwissenschaft und Erziehung an der Universität Dar es Salaam/Tansania. Er ist verheiratet und hat 3 Kinder.

Tansania zählt zu den ärmsten Ländern der Welt – auf dem Human Development Index der Vereinten Nationen belegt es von 175 Staaten den 162igsten Rang. Seit einigen Jahren wurden daher auf Initiative der Weltbank Strategien zur Armutsbekämpfung entwickelt, von denen vor allem eine Gruppe ausgeschlossen wurde – Personen mit Behinderung.

„Seit der letzten Überprüfung und Revision der Programme zur Armutsbekämpfung wurden jedoch erstmals die Rechte von behinderten Menschen als Querschnittsmaterie aufgenommen. Dieser Erfolg ist unter anderem auch Wimile als einem der federführenden Lobbyisten für behinderte Menschen zuzuschreiben“, berichtet Mag. Adrea Eberl von Licht für die Welt.

BIZEPS-INFO: Welche Herausforderungen stellen sich für Behindertenorganisationen in Tansania?

Henry Wimile: Die Herausforderungen, denen Behindertenorganisationen in Tansania gegenüberstehen, sind vielfältig. Ich würde sagen, die Wichtigsten lassen sich in drei Punkten zusammenfassen:

  1. Mangel an Ressourcen, auf die zurückgegriffen werden kann, um die Anliegen behinderter Menschen zu verfolgen. Ich spreche hier einerseits von menschlichen Ressourcen, Experten auf dem Gebiet Behinderung, andererseits natürlich von finanziellen Mitteln.
  2. Das Fehlen einer umfassenden Behindertenpolitik, in deren Rahmen die verschiedenen Aspekte von Behinderung betrachtet werden und die die Bedürfnisse und Rechte behinderter Menschen ausdrückt.
  3. Der Mangel an Bewusstsein in der Gesellschaft. Ohne dieses Verständnis werden Anliegen niemals effektiv umzusetzen und durchzusetzen sein.

BIZEPS-INFO: An welchen Zielen wird konkret gearbeitet?

Henry Wimile: Behindertenorganisationen verfolgen derzeit vier große Ziele in Tansania:

  1. den Zugang zu Bildung und Ausbildung für behinderte Menschen
  2. Zugang zu medizinischer Versorgung
  3. economic empowerment und die Reduzierung von Armut
  4. der Kampf gegen HIV/AIDS

BIZEPS-INFO: Wie wird vermieden, dieselben Fehler in der staatlichen Behindertenpolitik zu machen, die in Westeuropa passiert sind (z. B. Großheime und Sonderschulen usw.)?

Henry Wimile: In Wirklichkeit haben wir in Tansania, aber auch in anderen Staaten des Südens, dieselben Fehler bereits gemacht, die in Europa passiert sind. Das Problem ist, dass wir einerseits die westlichen Systeme geerbt haben, gerade in Bezug auf Bildungswesen, soziale und politische Strukturen. Und in unserer Behindertenpolitik haben wir uns an der des Nordens orientiert, haben sie adoptiert.

So gibt es leider auch in Tansania separate Einrichtungen für behinderte Menschen, Sonderschulen etc. Zurzeit setzen wir uns stark für inklusive Ausbildung ein, aber bis dahin ist es ein weiter Weg.

BIZEPS-INFO: Was erwarten Sie sich von der österreichischen Entwicklungshilfe konkret für behinderte Menschen in Tansania?

Henry Wimile: Informationsaustausch: Information bedeutet Macht. Der Status behinderter Menschen in Entwicklungsländern muss bekannt werden. Gerade auch was Strukturen und Technologien betrifft, wäre es für uns wertvoll, mehr Informationen zu erhalten. Wie gesagt, wir importieren und übernehmen viel vom Norden. Es wäre uns sehr geholfen, wenn wir da bereits wüssten, welche Erfahrungen in anderen Ländern mit diesen Dingen gemacht wurden, welche Dinge sich als sinnvoll erwiesen haben und welche nicht.

Wir erwarten uns, dass Österreich und der Norden uns nachhaltig unterstützen, was Technologien, Know how und Expertise im Bereich von inklusiver Entwicklung betrifft.

Wir wünschen uns, dass der Norden seine Ressourcen für die Entwicklung der armen Länder ALLEN zur Verfügung stellen, das heißt in allen seinen Maßnahmen im Bereich der Entwicklungskooperation auch Menschen mit Behinderung berücksichtigt. Nur so können wir den Zugang zu Schulbildung und Gesundheit erreichen.

Außerdem muss das Thema Behinderung in den Millenniumsentwicklungszielen verankert werden! Die internationale Gemeinschaft hat Beschlüsse gefasst, den Süden in der Armutsreduzierung zu unterstützen, z. B. durch Schuldenerlass. Das Geld, das so frei wird, soll in Bildung und Gesundheit fließen. Doch wenn dabei behinderte Menschen nicht explizit berücksichtigt werden, wird eine effektive Armutsreduktion nie möglich sein. 10 % der Bevölkerung sind behindert. Das ist keine kleine Zahl, die vernachlässigt werden kann!

BIZEPS-INFO: Welche gesellschaftspolitischen Erfolge konnten Behindertenorganisationen in Tansania in den letzten Jahren erreichen?

Im Rahmen der Armutsbekämpfungs-Strategie in Tansania anerkannte die Regierung Behinderung als einen der wichtigsten Bereiche im Kampf gegen die Armut. Bei den kommenden Wahlen im Oktober können Dank unseres Einsatzes erstmals behinderte Menschen gleichberechtigt, das heißt geheim, wählen.

Im Juli 2004 wurde die nationale Behindertenrichtlinie erlassen; sie beinhaltet Ausbildung, Rehabilitation, Gesundheit/medizinische Versorgung, Familienleben und richtet sich an sämtliche Beteiligten, das heißt die behinderten Menschen selbst, Eltern, Regierungen.

BIZEPS-INFO: Wie lauten Ihre persönlichen Ziele?

Ganz persönlich möchte ich meinen Doktor (PhD) in „Disability Development“ (inklusive Entwicklung) abschließen.

Was die Arbeit betrifft, so strebe ich eine sehr enge Kooperation mit anderen Akteuren im Bereich Behindertenpolitik an, denn nur durch gemeinsames Lobbying können wir unsere Ziele erreichen: Zugang zu medizinischer Versorgung, Nahrung, Schulbildung, die Reduzierung von Armut und die Durchsetzung eines inklusiven Ansatzes.

BIZEPS-INFO: Vielen Dank für das Interview.

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0 Kommentare

  • Bin beindruckt über das Wirken für behinderte Leute in Tansania. Gutes zu tun und dann noch zu Lesen ist in dieser Welt einmalig.

  • Hallo! Das find ich aber ganz toll das in Tansania auch für behinderte Menschen was Gutes getan wird.

  • Vielleicht sollte „Licht für die Welt“ einmal ein bisschen auch in Lainz sein Kerzerl anzünden, zumal sich die behinderten Wienwahl-Aspiranten über die lebensgefährlichen Zustände für behinderte Menschen dort so gar nicht drübertrauen … und vermutlich wird auch dieser Beitrag vom Buzeps-Oberzensi binnen Sekunden gelöscht….