Franz-Joseph Huainigg

Lieber tot als behindert!?

Auf der Kinoleinwand Wohlbekanntes: Der ab dem Hals gelähmte Ramón liegt mit zusammen gekrampften Fingern im Bett und wird zur Seite gelagert. (Dieser Kommentar ist in der Wiener Stadtzeitung Falter erschienen. Wir danken für die Abdruckerlaubnis.)

Ein Stückchen rechts, ein bisschen links, nein doch wieder ein wenig nach oben … Ich muss lächeln. Die richtige Stellung zu finden ist schwierig und bringt auch bei mir fast täglich die persönlichen Assistentinnen an ihre Grenzen. Ramón liegt mit einem Lächeln auf den Lippen im Bett und verlangt Hilfe beim Sterben. Warum er denn immer lächelt, wird er gefragt.

„Ich lache Tränen“, antwortet der behinderte Schriftsteller, der sein Leben als unwürdig bezeichnet und jegliches Hilfsmittel wie beispielsweise einen Rollstuhl ablehnt. „Nehme ich den Rollstuhl an, nehme ich das Leben an“, argumentiert er. Der emotionalisierte Sterbewunsch wird dem bürokratischen Justizverfahren gegenüber gestellt. Unverständnis gegenüber den Richtern und dem Staat, welche aktive Sterbehilfe untersagen, bleiben so beim Popcorn-essenden Publikum übrig. Abspann. Das Licht im Kinosaal geht an, um mich herum lauter mitleidige Blicke und innere Beklommenheit macht sich in mir breit: „Hey, Leute“, bin ich in meinem Rollstuhl versucht zu rufen, „Ich lebe gerne!“

Und wer mich dann verwundert angesprochen hätte, dem hätte ich erzählt, wie schwierig aber auch wie spannend und wunderschön das Leben im Rollstuhl ist. Die Welt tief unten im Rollstuhl zu erleben mag vielen, wie Ramón, als unwürdig erscheinen. Doch hat das Leben der Arbeitslosen Rosa, die im Film von ihrem Mann verlassen wurde und zwei Kinder alleine aufzieht mehr Würde? Wo beginnt die Würde, wo hört sie auf?

Terri Schiavo ist tot. Das öffentliche Sterben wurde zum Medien- und Politspektakel. Wie lange kann ein Mensch ohne Nahrung und Wasser überleben, fragte sich so mancher. Bei News-online konnten die Besucher direkt per Mausklick abstimmen, ob das Leben von der Wachkomapatientin verlängert werden soll oder nicht. Hintergrundinformationen wie die Tatsache, dass Menschen im Wachkoma noch sehr vieles miterleben können, fehlten gänzlich. Drei Viertel aller Voter stimmten für das Todesurteil. Ein Leben als behinderter Mensch wurde Terri Schiavo nicht zugemutet, sehr wohl aber ein würdeloses Sterben.

Verhungern und verdursten, nur weil sie behindert ist und dies ausgerechnet in einem Land des Überflusses, wo eine der größte Gesundheitsgefährdung die Fettleibigkeit ist. Unwissenheit und Vorurteile prägen die Meinungen über das Leben behinderter Menschen. Terri Schiavo soll einmal selbst gesagt haben, sie „wolle in einem solchen Zustand nicht am Leben gehalten werden“. Derartige Aussagen relativieren sich jedoch oft sehr rasch, wenn ein schmerzfreies und menschenwürdiges Leben ermöglicht wird.

Soll der Staat aktive Sterbehilfe legalisieren? Bannbrechend zeigten sich die Niederlande und Belgien. Als Beweggründe gaben in Holland kranke und behinderte Menschen an nicht länger leben zu wollen, um ihren Verwandten nicht zur Last zu fallen. Solche Motive allein schon und die Folgen sind fatal: Ein Blick in die Statistik der Niederlande aus dem Jahr 2001 zeigt, dass bei ca. 900 von 3800 Personen aktive Sterbehilfe oder ärztlich assistierter Suizid ohne deren ausdrücklichen Wunsch vorgenommen wurde.

Ein einmal in Gang gesetztes Euthanasieverfahren ist erfahrungsgemäß für den Betroffenen schwer abzubrechen, da er plötzlich umgekehrt argumentieren muss, warum er überhaupt am Leben bleiben möchte. In den Niederlanden ist aktive Sterbehilfe bereits ab 12 Jahren mit Einwilligung der Eltern erlaubt. Neuerdings wird eine Erweiterung der Legalisierung von aktiver Sterbehilfe an Neugeborenen mit unheilbarer Krankheit gefordert. In 22 Fällen wurde sie in den letzten Jahren aktive Sterbehilfe auch schon geleistet. Die Grenzen scheinen beliebig verschiebbar. Bereits im Dritten Reich wurde die „Vernichtung lebensunwerten Lebens“ für geborene behinderte Kinder und ungeborene Kinder von erbkranken Eltern als Akt des „Gnadentodes“ durchgeführt.

Politisch muss die eugenische Indikation als Ausnahmeregelung zur Fristenlösung hinterfragt werden. Während die Abtreibung nicht behinderter Föten bis zum dritten Monat straffrei gestellt ist, ist die Tötung eines Embryo, bei dem nur eine „ernste Gefahr“ einer Behinderung besteht, bis zur Einleitung des Geburtsvorgangs erlaubt. Ab der 20. Lebenswoche ist laut Prof. Huber nach neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen das Nervensystem wie bei einem erwachsenen Menschen ausgeprägt und ab der 22. Woche ist die Lebensfähigkeit gegeben.

Daher wird der Fötus durch Fetozid (Herzstich) im Mutterleib getötet oder das Kind nach der Geburt nicht medizinisch versorgt. Ein Zustand, der in Zeiten von Behindertengleichstellungsgesetz und Integration nicht haltbar ist. Es gibt kein Recht auf ein gesundes Kind. Die Vision eines behindertenfreien Lebens ist menschenverachtend, weil sie impliziert, dass Menschen mit Behinderung kein Lebensrecht haben.

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10 Kommentare

  • Schön, wenn Behinderte diesen unbedingten Lenenswillen haben und das Recht zu leben ist unbestritten, aber bedenkt auch umgekehrt, nicht jeder ist so stark mit allen Krankheiten und Behinderungen leben zu wollen. Es ist der eigene Wille. Wer es nicht mehr aushält in seinem Körper und sich nach dem Tod sehnt und sich „Erlösung“ wünscht, weil leidensmüde, der sollte auch gehen dürfen. Es ist genauso ungerecht, einen Menschen, der mit seinem Körper oder Leid oder Schmerz nicht mehr auskommt, zum Weiterleben zu zwingen! Meine Meinung.
    Hier stellt sich auch die Frage, ist die Medizin ein Segen oder ein Fluch?!!
    Babys überleben, die eigentlich ohne Medizin nie überlebt hätten. Ist die jetzt von Gott gewollt oder nur dank des medizinischen Fortschritts?!? Im Gegensatz dazu wird durch die Apparatemedizin immer läng da Sterben hinausgeschoben!?! Ist Wachkoma ein natürlicher Zustand? Oder zwangsweise entstanden durch uns! Gibt es in der freien Natur in der Tierwelt ein Koma?!? Ich denke, eine Grenze zwischen lebenswürdig lebensunwürdig wird man nie ziehen können, dies kann jeder nur persönlich für sich entscheiden, wo die Belastungsgrenze das für einem selbst erträglichen liegt. Für einen Maler, der erblindet, kann diese schon erreicht sein. Schwierig…..

    • Na wenn man so argumentiert müsste man dann nicht auch gegen Penicilin sein? Hat es früher auch nicht gegeben und man hätte Krankheiten nicht überlebt. ;-)

    • Ja, es ist schwierig, eine Grenze zu ziehen bzw. kann dies nur jeder selbst entscheiden.
      Bluttransfusionen, Organspende, Spermien und Eier einfrieren, lebenserhaltende Maßnahmen ohne Ende. Die Natürlichkeit als Erdenswesen bleibt hier auch ein Stückweit auf der Strecke. Ich möchte keinem das Leben (ob behindert oder nicht)absprechen, aber ich habe auch Angst vor der übertriebenen medizinischen Versorgung. Ich, für mich persönlich, möchte nicht in einem Koma oder Wachkoma liegen, denn natürlich ist das nicht. Es ist schrecklich, dass man selbst sich dazu nicht äußern kann! Dann könnte man selbst bestimmen, ob man in diesem Zustand weiterleben möchte. Doch selbst, wenn man den Wunsch hätte „sterben zu dürfen“ wird dies kaum zugelassen. Es kann nicht sein, dass man seinen Hund einschläfern darf, wenn er in einem desolaten Kranken Zustand ist und der Mensch ist dazu verdammt, ewig zu liegen und zu leiden, im Dämmerzustand. Oft auch, weil Angehörige nicht loslassen wollen oder können. Weil der Tod einfach nicht sein darf, er passt nicht in unsere Welt. Leben wird gerettet, immer gerettet und gerettet. Ein Herzinfarkt war früher ein sicherer natürlicher Tod, aber es wird nun reanimiert und es überleben einige mit Hirnschäden, die ansonsten vielleicht einen vom Schicksal bestimmten schönen Tod gehabt hätten. Meine Oma z.B. lag nach einem Schlaganfall 3 Jahre im Bett im Pflegeheim im Koma, das ist doch nicht würdig, das ist in meinen Augen grausam. Das kann von Gott, falls es ihn gibt, nicht gewollt sein. Warum sollen oder müssen wir Menschen mehr erdulden als Tiere. Kein Tier muss jahrelang in freier Wildbahn leiden, es darf sterben. Es darf aufhören zu essen und zu trinken.
      Im Fall Terri Schiavo sieht es doch so aus, als wollte die Seele sich schon in jungen Jahren vom bulimiekranken Körper lösen und das Herz hörte auf zu schlagen. Entschuldigung, wenn ich das so sage, es war vielleicht für sie so vorbestimmt, falls es so etwas gibt. Erst durch Eingreifen anderer, wurde sie in den komatösen Zustand gebracht, der die Frage nach würdig und unwürdig aufwirft. Plötzlich sind Entscheidungen gefragt, die vorher eigentlich schon entschieden waren….wir Menschen selbst, haben die Welt kompliziert gemacht und uns weit von der Natur entfernt…

  • Kein Widerspruch in der Sache, aber: in der Autopsie von Terri Shiavo ist nachgewiesen worden, das sich der größte Teil ihres Gehirnes bereits seit einer langen Zeit in Flüssigkeit aufgelöst hat. Die Frau war also effektiv gehirntot und ist somit kein gutes Beispiel. Ansonsten stimme ich Ihnen ohne Ausnahme zu.

  • Dorothea Brozek spricht mir aus der Seele, wenn sie schreibt „wegsperren in Institutionen“. Vor ziemlich genau 15 Jahren schrieb eine Ärztin eines Säuglingsheimes in Wien, dass unsere heutige Pflegetochter aufgrund ihrer Behinderung „ungeeignet für die Vermittlung in eine Pflegefamilie sei“. Argument: sie nimmt einem Nichtbehinderten Kind einen guten Platz weg … das Nazidenken wird wohl noch lange in den Köpfen haften bleiben.
    Als unsere Tochter vor kurzem in eine Behinderteneinrichtung kam, wurden plötzlich über 6000,- € von öffentlicher Seite dorthin bezahlt. Jetzt ist sie, nachdem sie dort einige Wochen lang miserabel gepflegt wurde und keine konstruktive Kritik von mir als Dipl. Kinderkrankenschwester angenommen werden wollte , seit 4. 4. 05 wieder zuhause (weil vom Leiter fristlos rausgeworfen)- die 6000,- € hätten wir auch gerne!! Kurzer Nachtrag: 6000,-€ sind monatliche Kosten (Therapiekosten kommen noch dazu!)

  • Dorothea Brozek ja du sprichst mir aus der Seele…wir werden meißt nicht mal ernstgenommen … auch wenn wir noch so oft schreiben meißt gibt es eine Ablehnung von unsere Regierung … Pffffff

  • Dorothea Brozek hat vollkommen recht. Viel zu viele behinderte Menschen leben in Einrichtungen und Institutionen, wo sie keinerlei Kontakt zu (nichtbehinderten) Mitmenschen haben. Ich finde das so schlimm. Das ist keine Integration!!

  • Terri war Justizmord, in Belgien gibts Tötungsmittel in Apotheken. In Deutschland wollen Eltern ihr Kind nicht sterbegeholfen bekommen, und die Ärzte ermorder, sorry, sterbehelfen. Die „Habeas-Corpus-Akte“ gilt nicht im Medizinbereich- das Folter- und tötungsverbot aus dem Mittelalter für … Gefängnisse. Der Hippokratische Eid gilt nicht mehr, die zehn Gebote auch nicht. Ich werde als nach der Bibel lebenden Christin als „fundamantalistisches Sektenmitglied“ (Baptist) bezeichnet, als ich mich wiegerte mein achtes Kind kurz vor der Geburt abzutreiben, nimmt mir am 30.8.2000 das Jugendamt Darmstadt-Dieburg alle Kinder weg.
    1996 wurde ich in Heppenheim Psychatrie mit Insulin sterbegeholfen. überlebte dank Bonbon davor. 1996 wurde am 10. April Peter in Groß-Umstadt ohne mein Wissen abgetrieben, als ich es merkte, bedrohte ich den Arzt, Peter und ich leben!

    Ich war mehrmals ohne Arzteinweisung und ohne Gerichtsbeschluß zusammen über ein jahr gegen meinen Willen in der Psychatrie. Danach bin ich neurologisch behindert, von Neuroleptika. Ich helfe diesem Staat — über attac, am 1. Mai z.B. kann man gegen diesen Staat demonstrieren. Ist ein Babykauststaat, der immer mehr Behinderte geborene Leute tötet. Das ist erst der Anfang. Die Christenverfolgung hat heute den Namen Sektenkontrolle.
    Ich weigerte mich , meine Kinder zu verhüten (jetzt bereue ich keins der acht Kinder- bin Wechseljahre) und glaube nicht an Evolution. – Das reicht schon für Psychatrie- über die Ämter Jugendamt und Psycho-Sozialer Dienst. Absolut illegal – aber unsere Familie wird geholfen – und ich arbeite die Helfer zusammen. Ich will alle Kinder zurück, ich will keine Hilfe, ich will Leben, in Ruhe und Frieden. Ich will diesen BRD 2000 bis heute Unrechtsstaat nicht mehr. Schreibt mir mal. Ute

  • Beratung und Begleitung von Müttern und schwangeren Frauen und Ihren Kindern in Entscheidungs- oder Konfrontationssituationen MUT-ter-COACHING 02622/69184

  • der text bringt es auf den punkt. wir behinderte menschen brauchen rahhmenbdingungen, die chancengleichheit und beseitigung von diskriminierungen ermöglichen; nämlich z.b. das recht auf persönliche assistenz und nicht das wegsperren in instutionen … wir müssen unsere recht noch vehementer einfordern, damit wir sichtbarer werden.