Pilotprojekt „Persönliches Budget in Tirol“: Es fühlt sich gut an …

Seit April 2016 können einige wenige Assistenznehmer/innen in Tirol im Rahmen eines Pilotprojektes ein Persönliches Budget in Anspruch nehmen.

Ernst Schwanninger, Christine Riegler mit Alina, Sieglinde Glatz als Sprecherin und Budgetassistentin für ihren Sohn Martin Schauer, Aglaia Parth, Judith Leitner, Josef Wieser
Christine Riegler

Sie können mit ihrem Budget ihre Persönlichen Assistent/innen als Arbeitgeber/innen anstellen oder als Kund/innen die Assistenzleistung über Selbstbestimmt Leben Innsbruck und den Mobilen Hilfsdienst (MOHI) einkaufen.

Diesem Pilotprojekt waren Verhandlungen vorausgegangen, die ein Jahr lang gedauert haben. Die Initiativgruppe „Persönliches Budget in Tirol“ und Mitarbeiter/innen der Abteilung Soziales des Landes Tirol haben in regelmäßigen Arbeitstreffen ein Konzept zur Umsetzung des Arbeitgeber/innen-Modells erarbeitet.

Wer ist die Initiativgruppe „Persönliches Budget in Tirol“?

Vor beinahe zwei Jahren schlossen wir uns zu einer Arbeitsgruppe zusammen, der Initiativgruppe „Persönliches Budget in Tirol“. Wir – das sind sechs Personen mit hohem Assistenzbedarf und langjährigen Erfahrungen als Assistenznehmer/innen.

Unsere Motivation: der Wunsch und die Forderung, den Alltag mit Assistenz flexibler gestalten zu können und unsere Kompetenzen als Assistenznehmer/innen besser wahrnehmen zu können. Unser Ziel: Das Arbeitgeber/innen-Modell in Tirol durchzusetzen und damit Unabhängigkeit vom Anbieter der Leistung Persönliche Assistenz zu erlangen. In gemeinsamen regelmäßigen Treffen wurden Erfahrungen ausgetauscht und das weitere Vorgehen der Gruppe diskutiert.

Wir haben dabei sehr vom Austausch mit und den Inputs von Arbeitgeber/innen aus anderen Bundesländern profitiert. Auch im weiteren Verlauf, während der Konzepterarbeitung zum Pilotprojekt. Diese Unterstützung und die Unterstützung des Tiroler Monitoringausschusses waren für uns sehr wichtig. Vielen Dank an dieser Stelle!

Mit der Zeit kamen neue Mitglieder dazu – Assistenznehmer/innen oder deren Angehörige in Vertretung – unsere Gruppe wurde heterogen. Als wir die Zustimmung der Soziallandesrätin zu einem Pilotprojekt Persönliches Budget bekamen und uns zur ersten Arbeitssitzung mit den Mitarbeiter/innen der Abteilung Soziales trafen, waren wir eine Gruppe von 11 Personen mit unterschiedlichen körperlichen Behinderungen und/oder mit Lernschwierigkeiten. Eine wichtige Ausgangssituation für den Verhandlungsstart. 

Die Arbeitssitzungen mit den Mitarbeiter/innen der Abteilung Soziales waren nicht immer einfach, aber es wurde Teilhabe umgesetzt: Wir als die Nutzer/innen von Assistenzleistung saßen am Verhandlungstisch mit den Vertreter/innen des Landes Tirol als Kostenträger und haben erfolgreich darauf bestanden, dass alle Mitglieder der Initiativgruppe Teilnehmende am Pilotprojekt sind.

Nun ist das Pilotprojekt Persönliches Budget in Tirol also angelaufen

Nicht alle Mitglieder der Initiativgruppe nehmen das Budget bereits in Anspruch. Es gibt immer noch „Baustellen“ und wir treffen uns weiterhin zu Gesprächen mit den zuständigen Beamt/innen.

Eine solche Baustelle ist die Assistenz am Arbeitsplatz: Obwohl vom Gesetz her möglich, haben wir das Paradoxon, dass wir die Assistenz am Arbeitsplatz praktisch nicht als Arbeitgeber/innen anstellen können: die Tiroler GKK verlangt für Persönliche Assistent/innen die Anstellung nach dem Hausangestellten-Gesetz, laut dem Tiroler Sozialministeriumservice muss jedoch für Assistent/innen am Arbeitsplatz ein anderer Kollektivvertrag zur Anwendung kommen. Für Mitglieder der Initiativgruppe mit hohem Assistenzbedarf zu Hause und am Arbeitsplatz, sind diese Vorgaben organisatorisch nicht umsetzbar.

Das Pilotprojekt dauert bis Dezember 2017 und wird wissenschaftlich evaluiert. Unser Ziel ist es, dass nach erfolgreichem Verlauf des Projekts das Persönliche Budget als weiteres Leistungsangebot – neben der Persönlichen Assistenz als Sachleistung – Menschen mit unterschiedlichen Behinderungen in Tirol zur Verfügung steht. „Erfolgreicher Verlauf“ bedeutet hier mehr Flexibilität, mehr bedarfsgerechte Unterstützung, mehr Entlastung für Angehörige von Assistenznehmer/innen und damit mehr Lebensqualität.

Als ich das erste Mal meinen Assistent/innen die Gehälter per Internet-banking überwies, habe ich bestimmt an die zehnmal nachkontrolliert, ob die Beträge auch ja auf den Cent genau von mir eingegeben worden waren. Die Frage, warum ich mir ein Mehr an Verantwortung aufbürde, habe ich nicht nur einmal gehört.

Es ist wahr. Die Rolle der Arbeitgeberin zu übernehmen bedeutet Mehrarbeit, die Übernahme von Risiken und von größerer Verantwortung. Im Begriff „Verantwortung“ ist das Wort „Antwort“ enthalten. Das ist es, um das es mir geht: Auf die Frage, was Selbstbestimmung für mich bedeutet, lautet meine Antwort: die unbedingte Bereitschaft, so viel wie möglich selbst verantwortlich zu sein für das, was ich tue und wie ich lebe.

Alles in allem fühlt es sich sehr gut an, Arbeitgeberin meiner Assistent/innen zu sein.

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2 Kommentare

  • Vielen Dank für diesen guten Bericht! Für Österreich bemerkenswert ist es, dass auch Menschen mit Lernschwierigkeiten oder Mehrfachbehinderungen Persönliches Budget in Anspruch nehmen können bzw. deren Angehörige dabei sind. Das ist meines WIssens nach in keinem anderen Bundesland möglich. Ich wünsche dem Pilotprojekt viel Erfolg und dem Persönlichen Budget hoffentlich eine Verankerung im neuen Gesetz für behinderte Menschen in Tirol.