Um wessen Nutzen geht es?

Sollen spezielle Behinderten-Angebote eigentlich behinderten Menschen nutzen - oder in erster Linie Nichtbehinderten, die damit Geld verdienen oder sich gut darstellen wollen?

Um wessen Nutzen geht es?
Kassandra Ruhm

„Ich will mit Menschen arbeiten, nicht am Schreibtisch Bürokram erledigen“, habe ich schon mit 10 Jahren gedacht. Erst recht, als ich nach der Schule eine Ausbildungsstelle gesucht habe. Wegen der Vorbehalte gegenüber meiner Behinderung habe ich auf dem allgemeinen Ausbildungsmarkt alleine nichts gefunden.

Auf der Suche nach Unterstützung und Nachteilsausgleichen habe ich mich ans Arbeitsamt gewandt. Dort ist mir regelmäßig nahegelegt worden, eine Büroausbildung im Berufsbildungswerk für behinderte Menschen zu machen.

Meine eigenen Vorschläge, Fähigkeiten und Wünsche sind immer wieder übergangen worden. Jede Beratung lief ungeachtet dessen auf dasselbe hinaus. Sogar die Tatsache, dass ich aufgrund meiner Behinderung nur schlecht am Computer tippen kann, ist nicht berücksichtigt worden.

Ich bin tatsächlich in einem teuren Berufsbildungswerk zur Kauffrau für Bürokommunikation ausgebildet worden. Denn für keine andere Berufsausbildung hätte ich Unterstützung bekommen. Außer unbezahlten Praktika konnte ich nie in meinem Beruf arbeiten.

Seit ich 28 Jahre alt bin, studiere ich endlich Soziale Arbeit. Um das machen zu können, habe ich 3 Jahre lang mit einem Anwalt dafür gekämpft. Denn die Miete für die Rollstuhlwohnung, die ich brauche, ist fast so hoch wie der Bafög-Höchstsatz. Ohne meinen Anwalt hätte ich keine Unterstützung für den behinderungsbedingten Mehrbedarf an Miete bekommen.

Wenn ich mich als Studentin eingeschrieben hätte, ohne vorher die komplizierte Sonder-Regelung zu erstreiten, wäre mir umgehend mein bisheriger Lebensunterhalt und damit auch die teure Rollstuhlwohnungsmiete gestrichen worden. Ich habe über 2 Jahre intensiv und manchmal auf abenteuerlichen Wegen gesucht, um überhaupt eine geeignete Rollstuhlwohnung zu finden. Auch wenn sie verdammt weit außerhalb liegt. Diese Wohnung wieder zu verlieren, weil über mehrere Monate keine Miete gezahlt wird, wollte ich nicht riskieren.  

Zusätzlich zu der vielen Lebenszeit, die mich selbst die unpassende Ausbildung in der Behinderteneinrichtung gekostet hat, haben wir Steuerzahler_innen einen hohen Betrag an Geld dafür bezahlt. (Laut einer Studie im Auftrag Bundesarbeitsgemeinschaft der Berufsbildungswerke, die aus naheliegenden Gründen nicht kritisch, sondern positiv gegenüber Berufsbildungswerken eingestellt ist, koste eine 3-jährige Ausbildung im Berufsbildungswerk  ca. 120.000 € pro Person, also ca. 3330 € jeden Monat.) 

Hätte man mit dem Geld nicht viel besser andere berufliche Wege unterstützen können? Die mir selbst genutzt hätten und mir berufliche Perspektiven eröffnet hätten? Und nicht nur dem Berufsbildungswerk zu einem höheren Umsatz verholfen hätten? 

Desirees Geschichte ist kein Einzelfall

  • Von Menschen, die zu Bürofachkräften ausgebildet wurden, obwohl diese Ausbildung nicht zu ihren Neigungen oder nicht zu ihren Einschränkungen und Stärken passte, hört man unter behinderten Menschen oft. Viele finden nach dieser typischen Berufsbildungswerk-Ausbildung keinen Arbeitsplatz oder sind dort unglücklich.
  • Auch in den sogenannten Werkstätten für behinderte Menschen (WfbM) oder in Behindertenheimen und -Wohngruppen kann es fraglich sein, in welchem Mischungsverhältnis es bei der Arbeit dort um die Interessen von behinderten Menschen oder um die wirtschaftlichen Interessen der Behinderteneinrichtung geht. Offiziell werden z.B. die WfbMs dafür bezahlt, dass sie Maßnahmen der beruflichen Rehabilitation durchführen und das Ziel verfolgen, behinderten Menschen den Zugang zum ersten Arbeitsmarkt zu ermöglichen. Tatsächlich wird nur unter 1 % der Beschäftigten auf den allgemeinen Arbeitsmarkt vermittelt. Die Finanzierung der WfbMs wird dadurch jedoch nicht in Frage gestellt. Das Durchschnittseinkommen der behinderten Beschäftigten beträgt gut 200 € im Monat.
  • Erstaunlich viele der Kunst-, Kultur- oder Freizeit-Projekte, die sich „inklusiv“ nennen oder die extra für behinderte Menschen da sind und dafür finanziert werden, stehen unter größtenteils nichtbehinderter Leitung. Oder haben 90 – 100 % der bezahlten Arbeitsstellen mit Nichtbehinderten besetzt. Behinderte Menschen dürfen teilnehmen. Oder wenn es hoch kommt, in 1-Euro-Jobs arbeiten. Aber die entscheidenden Positionen sind größtenteils mit Nichtbehinderten besetzt. Das heißt nicht, dass dort automatisch schlechte Arbeit geleistet würde. Aber wäre die Arbeit denn schlechter, wenn z. B. 50 % der Positionen von behinderten Menschen besetzt wären? Ähnlich ist es, wenn die „Fachleute“ auf einer Tagung zu behinderungsspezifischen Themen außer einem „Quoten-Behinderten“ alle nichtbehindert sind. Sicher kann man sich gut damit darstellen, etwas „für Behinderte“ zu machen. Die Entlohnung durch soziale Anerkennung kann sehr angenehm sein. Aber es gibt auch viele Expert_innen in eigener Sache, die durch ihre tägliche Erfahrung mit ihren Behinderungen ein umfangreiches und grundlegend wichtiges Wissen weiterzugeben haben. Und vielleicht haben sie sogar einschlägige akademische Abschlüsse noch dazu. 
  • Etliche nichtbehinderte Mitarbeiter_innen von Angeboten für behinderte Menschen haben kaum gleichberechtigte Kontakte mit behinderten Menschen. Das heißt, sie haben nur bezahlt mit behinderten Menschen zu tun. 
  • Manchmal (nicht immer!) sind nichtbehinderte Menschen vor Publikum nett zu jemandem mit einer offensichtlichen Behinderung. Anscheinend, um sich vor anderen gut darzustellen. Aber ganz normal zusammen Kaffee zu trinken und sich vielleicht anzufreunden, wenn kein Publikum zusieht, dazu kommt es nicht.
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7 Kommentare

  • Sehrgeehrte Damen und Herren,

    gestatten Sie mir die Frage zum Poster “ Umwessen nutzen geht es“, ob das Poster welches ich als sehr gelungen ansehe für die Kritik am schlechten Teilhabegesetz in Deutschland besonders in Bayern benutzt werden darf? Meinen Dank dem jenigen welcher den Nagel auf den Kopf trifft und so vielleicht anderen die Augen öffnet die immer noch glauben nur wir seien die Last des Steuerzahlers, was sich aber anders darstellt.

    Mit freundlichen Grüßen

    Wolfgang Ritter

    • Hallo Herr Ritter,

      eine hochwertige Druckdatei des Posters kann man kostenlos auf dieser Homepage herunterladen: Poster.kassandra-ruhm.de
      Dort stehen auch sämtliche anderen Poster aus meiner wöchentlichen Serie.
      Ich weiß wenig über die speziell bayrische Situation. Aber ich befürchte, dass es dort nicht viel besser ist, als an anderen Orten.
      Solange nichts aus dem Poster herausgeschnitten oder verändert wird, kann man es überall dort GERNE benutzen, wo man es passend findet!
      Außerdem: Danke fürs Lob! 🙂

      Viele Grüße
      Kassandra Ruhm.

  • Ja das ist die Wirklichkeit. Soziales Handeln und Denken hat sich zu einem lukrativen Geschäft, der sogenannten Sozialwirtschaft, entwickelt. Es gibt beinharte Kalkulationen und natürlich eine Geschäftsführung die etwas verdienen möchte. Wohin werden uns wir da entwickeln…..

  • Einer der besten Artikel auf Bizeps!
    Jeder Satz ein Volltreffer. Viele behinderte Menschen müssten zudem gar nicht in diesen Werkstätten arbeiten.

    Die mangelnde soziale Interaktion ist auch auf dem ersten Arbeitsmarkt ein Problem. Behinderte Mitarbeiter haben zumeist einen isolierten Arbeitsplatz und nehmen nicht an betrieblichen Veranstaltungen und Weiterbildungsmöglichkeiten teil. Folglich ergeben sich keine Freundschaften und Aufstiegschancen im Job.

  • Diesen Artikel; „Um wessen Nutzen geht es?“, finde ich interessant und treffend geschrieben!

    Aufgrund einer Zangengeburt (1966) erlitt ich eine seitliche Rückenverbiegung. Diese sollte durch eine bestimmte Liegezeit in einem Gipsbett korrigiert werden, was aber lt. Aussage meiner Mutter nicht geschah.

    Neben Rückenproblemen (Haltungsschwäche) hatte ich schon im Kindesalter auch Knieprobleme (lt. Arzt: – zu raue Kniescheiben, zu kurze Sehnenbänder und zu wenig Gelenkschmiere) und war deshalb auch des öfteren beim Orthopäden in Behandlung.

    Ich kann mich noch an eine Art Liege mit schwarzen Vibrationskugeln erinnern. Damit wurde eine Zeitlang wohl eine verspannte Nacken- und Rückenmuskulatur behandelt.

    Eine Reizstrombehandlung (mit Gel und Elektrosensor mit Metallscheibe im Sensorkopf) sollte ich kreisend erst für das Eine und dann für das Andere Knie verwenden.

    Aufgrund dieser gesundheitlichen Einschränkungen (nicht mehr als 5 kg auf einmal heben, kein langes bücken und knien), erhielt ich einen Schwerbehindertenausweis über 50%.

    Ich wurde zwar noch gemustert, war aber bei der Bundeswehr, wegen meiner Schwerbehinderung dienstuntauglich!

    Ein Eignungstest beim Arbeitsamt Münster ergab, dass ein Beruf im Bürobereich wegen der geringen körperlichen Belastung für mich am geeignetsten wäre.

    Ursprünglich sollte ich nach dem Abschluss der Schule (Abschlussjahrgang 1985) in einer Facharbeiterausbildung (eigentlich eine Einrichtung für Langzeitarbeitslose) ein Jahr lang in den kaufm. Bereich hineinschnuppern, bis eine Aufbildungsstätte als Bürokaufmann in einem Berufsbildungswerk, entweder in Reken nahe Coesfeld (Deutschland, Bundesland – Nordrhein-Westfalen), oder Josefsheim Bigge in Olsberg (Stadtteil) Bigge (Ostwestfalen im Hochsauerlandkreis gelegen!) frei wurde.

    Als sich die Maßnahme lt. schriftlicher Mitteilung der Facharbeiterausbildung wegen keiner freien Stelle im Bürobereich (Übungskontor) verzögern würde, setzte sich mein Vater dafür ein, dass ich in einem Jugendzentrum in Münster (PAUL-GERHARD-HAUS) für ein knappes Jahr von 1985 bus 1986 in der Holzwerkstatt gegen eine geringe Vergütung arbeiten konnte.

    Diese Zeit gefiel mir gut, obwohl mir das handwerkliche im Holzbereich nicht unbedingt lag. Wenigstens hatte ich hier durch Arbeit eine feste Tagesstruktur.

    Einmal in der Woche hatten Wir morgens Sport, was auch für meine Rücken- und Knieprobleme wichtig war.

    Im Jugendzentrum spielte ich auch gerne Tischtennis, was ich auch während meines ca. 6wöchigen Schulpraktikums auch gerne in einer Feinmechanikerwerktstatt gerne machte.

    Ich kann mich noch daran erinnern, dass ich bei einem Tutor der Friedensschule (bischöfliche Gesamtschule) in Münster bei diesem zu Hause, ebenfalls in Münster (Stadtteil Mecklenbeck) mit ihm auch Tischtennis spielte.

    Sogar am Samstag durfte ich mit Lehrern und deren Familienangehörigen im Schwimmbad der Friedensschule schwimmen, was auch für meine Rücken- und Kniebeschwerden wichtig war.

    Mit am Besten hat mir (Zeitraum 1985 – 1986) einmal eine mehrtägige Fahrt des Jugendzentrums Paul-Gerhard-Haus nach Berlin (damals noch durch die DDR, mit Besuch von Ostberlin) gefallen.

    Im Jugendzentrum lernte ich auch das Maschinenschreiben, was mir später bei meiner Tätigkeit im Bürobereich (Übungskontor) der Facharbeiterausbildung vom Zeitraum 1986 – 1987 über ein knappes Jahr von nutzen sein würde.

    Meine Ausbildung zum Bürokaufmann belegte ich im Berufsbildungswerk Josefsheim – Bigge (Nordrhein-Westfalen /Ostwestfalen / Hochsauerlandkreis (HSK)) von 1987 bis 1990.

    Nach meiner dreijährigen Ausbildung zum Bürokaufmann, war ich von 1990 fast vier Jahre bis 1994 arbeitssuchend beim Arbeitsamt Münster gemeldet.

    Schon damals war es als Mensch mit Behinderung schwer, einen Arbeitsplatz im kaufm. Bereich bei einer Firma auf dem ersten Arbeitsmarkt zu finden.

    Da das Arbeitsamt Münster an Einarbeitungs- und Fördergelder Monat für Monat über 2 Jahre lang 2.100 DM Einarbeitungs- und Fördergelder zahlte, erhielt ich ab 02.11.1994 bis Mitte August 1999 einen Arbeitsplatz in einer Baumaschinenfirma in Münster (Westf.) als kaufm. Angestellter.

    Neben Buchführung, Geschäftskorrespondenz, Rechnungskontrolle (Debitorenrechnungen), Ablage, Postausgang war ich von Anfang 1995 bis ca. Ende 1997 für den Bereich des gerichtlichen Mahnverfahrens zuständig, obwohl ich dieses niemals während meiner Ausbildung zum Bürokaufmann gelernt hatte.

    Nachdem das Arbeitsamt Münster nach Ablauf von 2 Jahren keine monatlichen Einarbeitungs- und Fördergelder über 2.100 DM mehr zahlte konnte ich meinen Arbeitsplatz nicht mehr halten.

    Aufgrund betuflicher und privater Erlebnisse erkrankte ich so schwer an Depressionen, dass ich mich ein gutes Jahr lang in eine stationäre Therapie begab.

    Ich bekam 3 Mal täglich die Amtideprissiva „Sepram“ und „Haldol“.

    Wieviele Menschen in Deutschland, Österreich und der Schweiz kommen in erster Linie wegen einer Depression als vermeintlich geistige Erkrankung in eine WfbM (Werkstatt für behinderte Menschen).

    Ich arbeite seit Anfang März 2001 in einer geschützten Werkstatt (WfbM), da auch das Betriebsklima in einer Firma (Baumaschinenfirma) des ersten Arbeitsmarktes mir nach fast fünf Jahren (1994 – 1999) schwer zu schaffen machte. Mir fiel es leichter, als juristischer Laie nach den alten Unterlagen meines Vorgängers gerichtliche Mahnverfahren einzuleiten, als Vorgesetzte fragen zu müssen.

    Am 06.10.2014 wechselte ich in eine Caritaswerkstatt WfbM, die von einem über 800 Jahre alten katholischen Orden (Alexianer) betrieben wird.

    Mittlerweile bin ich 51 Jahre alt und erstelle im Rahmen eines Weblayouts ein Wikibook (Onlinebuch) mit dem Titel „Musterentwürfe zum gerichtlichen Mahnverfahren“ in einer WfbM. Dort arbeite ich im Bereich Grafikdesign mit den Programmen „Illustrator“, „Indesign“ und „Photoshop“.

    Seit dem 07.02.2017 bin ich nebenberuflich als freier Reporter und Journalist für das Medienonlineportal Blastingnews tätig. (Artikel müssen dort mindestens 2000 Textzeichen lang sein!).

    Am 26.10.2017 wurde ich in den Werkstattrat der WfbM gewählt und bin dort als Schriftführer tätig.

    Inwieweit haben Menschen mit Behinderungen, die aus einer WfbM kommen, bzw. kämen, im Jahre 2018 überhaupt eine Chance auf einen Arbeitsplatz in einer Wetkstatt oder Behörde auf dem ersten Arbeitsmarkt unterzukommen?

    In knapp 14 Jahren wäre ich 65 Jahre alt.

    Nach den fast fünfjährigen, größtenteils negativen Erlebnissen bei einer Baumaschinenfirma (Bossing+Mobbing) als einer Firma auf den ersten Arbeitsmarkt, bin ich dankbar, dass ich in einer WfbM (als geschützte Werkstatt) arbeiten kann und darf.

    Ein Werkstattlohn von monatlich netto 450 € (ohne Abzüge von Grundsicherung oder EU-/EM-Renten) würde keinen einzigen Werkstättenbetreiber überfordern und mehr Einkommensgerechtigkeit für Menschen mit Behinderungen, die in Werkstätten für behinderte Menschen (WfbM) bedeuten.

    In der Partei DiB (Demokratie in Bewegung) nehme ich auf dem Marktplatz der Ideen an den Themenkreisen (TK – Behindertenpolitik) und (TK BGE) teil.

    Wieviel steuer- und sozialversicherungspflichtige Arbeitsplätze fallen wohl bei Selbstfahrenden Autos (Taxen), LKW’s und Bussen wohl weg?

    Wie soll man konsumieren, wenn man nicht einmal ausreichend verdient?

    Reichen durchschnittliche Werkstattlöhne in Deutschland, die je nach Bundesland um die 185 € monatlich in den WfbM gezahlt werden aus, um ein Leben als Behinderter im Rahmen einer Inklusion als Nichtbehinderter dauerhaft leben zu können?

  • Was für ein toller Artikel und er schreibt mir aus der Seele. Danke dafür , ich werde ihn breit verteilen!