Wie eine Königin oder wie eine ganz normale Bürgerin

Sehr geehrter Herr Bürgermeister der Stadt Salzburg! Verehrter Herr Dr. Heinz Schaden!

Andrea Mielke / Hintergrund Festung Hohe Salzburg
Andrea Mielke

Als geborene Salzburgerin lebe ich seit 46 Jahren in einer der schönsten und berühmtesten Städte Österreichs. Der Trauungssaal der Stadt Salzburg im Schloss Mirabell ist weltbekannt. Das Problem dabei: ich konnte ihn lange nicht benützen – wie so vieles andere in dieser Stadt als rollstuhlfahrender Mensch.

Mit einer schweren körperlichen Behinderung geboren, benötige ich rund um die Uhr persönliche Assistenz, um meinen Alltag selbstbestimmt zu leben. Ich kann mich ausschließlich mit dem Elektro-Rollstuhl fortbewegen. Insofern gab und gibt es jede Menge an baulichen Barrieren in meinem Leben, in meiner Stadt, bei Ämtern, in Geschäften, Restaurants, Kinos, im Verkehr, Arztpraxen etc. etc. etc.

Seit kurzem aber fühle ich mich in einem Punkt wie eine ganz „normale Bürgerin“! Nämlich dann, wenn ich das neue Büro der Behindertenbeauftragten der Stadt Salzburg aufsuche.

Musste ich bisher, zuerst einmal in den Vorraum des Treppenaufgangs gelangen, welcher mit einer äußerst schweren Zwischentüre gesichert ist, um danach mit einem viel zu engen Lift den 4. Stock zu erklimmen, um dort wiederum vor unzähligen schweren, für mich nicht zu öffnenden Türen, auf einen willigen Passanten zu warten, der bereit ist, mir alle im Wege stehenden Türen zu öffnen, diverse Liftknöpfe außen und innen zu drücken, da mein Arm niemals die Streckung und Muskelkraft dazu aufbringen kann, um dann erschöpft, genervt, verärgert, oft auch verzweifelt und meistens mit einer ordentlichen Verspätung, weil im Treppenhaus die Tür zufiel und ich ewig, ewig warten musste, bis jemand weiterer den gleichen Weg wie ich teilte, dann endlich, endlich das ersehnt-angepeilte Behindertenbeauftragtenbüro zu erreichen … fühle ich mich jetzt – frau glaubt es kaum – fast wie im Rollstuhlparadies …

Staunend wie ein glückliches Kind, schlendere ich nun zuerst durch den sonnigen Mirabellgarten, an Brunnen, kunstvoll arrangierten Blumenmustern und dem bezaubernden Rosengarten vorbei, nehme eine scharfe Rechtskurve und befinde mich in der Vorhalle zum schönsten Trauungssaal der Welt. Ich erinnere mich, dass ich mit anderen Aktivsten und Aktivistinnen aus der Behindertenbewegung hierbei sechs Jahre vollen Einsatz und vor allem Hartnäckigkeit aufbringen musste, um dafür den langersehnten und notwendigen Lift durch die politischen Entscheidungsträger durchzusetzen. Einer von vielen Kämpfen der gemeinsam gewonnen wurde.

Weiter geht es rollstuhlsurrend und elegant über die edle Marmorrampe mit goldenem Geländer und so gleite ich leichträdrig über jede Schwelle. Sobald ich nahe genug an der hölzernen Doppeltüre stehe, ist es wie im Märchen: „Sesam öffne dich!“, glaube ich mich selbst flüstern zu hören und die Türe öffnet sich von ganz alleine. Kein Warten, kein Bitten, kein Betteln um Hilfe.

Spätestens jetzt fühle ich mich tatsächlich wie eine Königin, oder anders ausgedrückt: wie eine ganz „normale Bürgerin“! Auf jeden Fall GLEICHBERECHTIGT.

Es geschieht mir nicht oft als Rollstuhlfrau, dass ich problemlos Unebenheiten überwinden und Räume befahren kann, geschweige denn verschlossene Türen mich nicht am Einlass und meinem Ziel hindern und sich von selbst öffnen. Um es ganz einfach auszudrücken: Ich fühle mich stinknormal! Das ist selten!

Ich befahre, am Empfang vorbei, welcher mir die freie Sicht auf die dort arbeitende Mitarbeiterin erlaubt, weil wir uns in gleicher Augenhöhe befinden, direkt – auch dort öffnet sich auf Knopfdruck jede Türe automatisch, das Büro der Behindertenbeauftragten. Nun habe ich mein Ziel erreicht und kann mein Anliegen vorbringen. Ich benütze jetzt öfters diese direkte Möglichkeit der Beratung und Information, weil es einfach herrlich ist, sein Ziel ohne Hindernisse und Barrieren zu erreichen.

Für jeden Fußgänger vermutlich eine tägliche Selbstverständlichkeit. Für mich als rollstuhlfahrende Frau, auch im Jahre 2010, noch immer eine Besonderheit!

Ich gratuliere Ihnen und der Stadt Salzburg zur Barrierefreiheit im Verwaltungstrakt!

Mit besten Grüßen, DSA Andrea Mielke (eine Bürgerin der Stadt)

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0 Kommentare

  • Liebe Andrea, danke für die wunderschöne Schilderung! Und Gratulation allen hartnäckigen BürgerInnen, die erreichen konnten, dass auch das denkmalgeschützte Schloss Mirabell barrierefrei umgestaltet werden konnte. Normalität als Prinzip – und so stimmungsvoll als Bericht erklärt. Schöne Grüße

  • Im Zweifelsfall immer beim Bedarf für E-RollifahrerInnen ansetzen, die wenig Kraft und Oberkörperstabilität haben, dann kann eigentlich nichts schief gehen – mit oder ohne Streitigkeiten und Egoismus.
    Ich bin dafür, dass diverse Mindestmaße und -notwendigkeiten in ÖNORMEN festgesetzt, in Gesetzen festgeschrieben, einklagbar und mit angemessenen Sanktionen behangen sind – was nicht heißt, dass Menschen mit verschiedenen Behinderungen nicht trotzdem zusammen arbeiten und gemeinsame Erfolge feiern sollen. Schöner Artikel, liebe Andrea und toller Erfolg natürlich. Gut gemacht, die Stadt Salzburg in diesem Fall.

  • Na Klasse, Hartnäckigkeit führt erfreulicherweise fast immer zum gewünschten Ziel. Nur sollten sich bei solchen Aktionen die Betroffenen auch einig sein.Das kommt leider noch viel zu selten vor und das ist schade überall wo man hinhört oder liest steht der Egoismus ganz vorn dran. Ich sehe das so, daß es notwendig ist, daß man gemeinsam ein Problem löst. Beste Grüße Jürgen Wecke, RoKoDat Zentrum, FGQ Kontaktstelle

  • Ich gratuliere Dir, liebe Andrea, zu Deinem bzw. Eurem Erfolg und freue mich mit Dir/Euch! Es zeigt sich halt, dass Hartnäckigkeit manchmal doch ans Ziel führt. Macht weiter so!

  • Danke für den Artikel! Gratulationen an Salzburg und alle die so lange gekämpft haben! Es lohnt sich halt doch! :D