Worte haben Macht. Beispiel: trotz

"Selbstständig trotz Behinderung" oder "Studium trotz Behinderung". Solche Aussagen höre ich zuhauf. Ein Kommentar.

Symbolbild: Sprache
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Warum heisst es eigentlich immer „trotz Behinderung“? Was oder wem wird da getrotzt? Der Behinderung? Und was bringt das? Führt das „trotz“ nicht vielmehr zu einer Abwehrhaltung gegenüber der Behinderung – und damit schlussendlich auch gegenüber Menschen mit Behinderungen?

Sage ich „trotz“, zieht sich mein Herz zusammen. Ich bin nicht mehr frei. Ich habe den Trotz in mir, die Auflehnung. Das fühlt sich unversöhnlich an. Ein ewiger Kampf gegen mich selbst.

Das Wort trotz wird häufig im Zusammenhang mit Behinderung gebraucht

Es kommt aber auch gerne in Verbindung mit Kindern zum Einsatz. Dann heisst es „Ferien trotz Kindern“ oder „erwerbstätig trotz Kindern“.

Auch hier geht es um ein Hindernis, das überwunden werden muss. War es zuvor die Behinderung, sind es jetzt die Kinder. Im Ernst jetzt?

O.K., ein Leben mit Behinderung und auch ein Leben mit Kindern verspricht zusätzliche Herausforderungen. Wie stellen wir uns denen? Mit dem Klotz der Rebellion im Bauch? Mit Rückzug oder einer versöhnten Herzenshaltung?

Letzteres ist bestimmt die beste Idee. Rebellion braucht es manchmal aber auch. Die richtet sich dann aber nicht gegen meine Behinderung oder meine Kinder, sondern gegen die Gesellschaft und die Umwelt, die nicht für uns geschaffen sind, die uns ausschliessen statt miteinbeziehen.

Um diese Rebellion zum Ausdruck zu bringen, müssen wir das Wort trotz im obigen Zusammenhang aus unserem Wortschatz streichen. Ersetzen wir es durch „mit“! „Selbstständig mit Behinderung“, „Studium mit Behinderung“, „Ferien mit Kindern“, „erwerbstätig mit Kindern“.

Wie hört sich das für Sie an?

Für mich definitiv besser. Mit dem Wort mit statt trotz gehören sowohl Behinderung als auch Kinder einfach dazu. Sie sind Teil meiner Identität.

Und genau bei der Identität haben wir Menschen mit Behinderungen ein riesiges Defizit. Laut Bundesamt für Statistik leben 20 % der Schweizer Bevölkerung mit einer Behinderung – jede fünfte Person. Scannen Sie mal Ihr Umfeld: 1, 2, 3, 4, behindert. 1, 2, 3, 4, behindert.

Man fragt sich, ob die Zahl stimmt, denn das funktioniert nicht mal in meinem Umfeld, und ich kenne überdurchschnittlich viele Menschen mit Behinderungen.

Wo liegt also das Problem?

Ich meine, bei der Identifikation! Viele Menschen mit Behinderungen sehen sich nicht als solche und sprechen deshalb auch nicht darüber. Warum wohl?

Behinderung wird immer noch als Makel angesehen. Es gibt kaum Berichte in den Medien zum Thema Behinderung ohne die leidige Phrase „leidet an …“. Und wer leidet schon gerne? Also lieber die Behinderung ausblenden, negieren, verstecken, kompensieren.

Bringt uns das weiter? Sicher nicht! Wenn wir uns nicht selbst als behindert sehen, kann sich auch niemand mit uns verbünden. Aber ohne Verbündete schaffen wir es nicht annähernd zu einer inklusiven Gesellschaft. Eine Gesellschaft, in der alle dazugehören. Eine Gesellschaft, die niemanden nur duldet oder gar ausschliesst.

Wir Menschen mit Behinderungen brauchen eine bedingungslose Identifikation mit unserer Behinderung – ein Coming-out. Und damit weg vom leidigen „trotz“ zum selbstverständlichen „mit“!

Dieser Beitrag erschien zuerst bei AGIL.

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7 Kommentare

  • @ Geschwätz
    Ich kann nicht erkennen, wo ich Kurzsichtigkeit mit ausgeprägter Blödheit gleichsetze.
    Ich habe „kurzsichtig“ als Metapher verwendet. Als solches sollten sie es auch lesen. Das war nicht schwer verständlich.
    Die Unterstellung ist ungut.

  • @ Geschwätz

    Sie haben Recht! Ich bin nicht kurzsichtig, ich bin nämlich weitsichtig! Inwiefern der Hinweis auf diese „Volkskrankheit“, ob kurz oder fern, eine Diskriminierung darstellt, lässt sich diskutieren, noch dazu als Metapher verwendet! Hier fängt dann so richtig die Wortklauberei an. Wem der Dachschaden, den Sie erwähnen, zugeschrieben werden kann, ist ebenfalls zu diskutieren. Was aber kaum zu diskutieren ist, ist der Umgang im und mit Networking und die Verwendung von Schimpfwörtern. Das ist wohl bis zu Ihrem „schöngeistigen Dünnschiss“ noch nicht vorgedrungen.

    Ja, es gibt (nicht „es gäbe“) viel zu tun, es gibt viel zu bewegen, es gibt viel zu diskutieren in Sachen „Menschen mit Behinderungen“. Wer oder was hier die Wertigkeiten der Wichtigkeit aufstellt, ist sicher nicht Ihr Geschwätz …

    • Ob Volkskrankheit oder seltener als ein Sechser im Lotto, spielt doch keine Rolle. Sehbehinderung oder Blindheit setzen Sie gleich mit mehr oder weniger ausgeprägter Blödheit.
      Der Rest ist halt meine Meinung.

  • Diese beiden Kommentare finde ich mehr als rigoros. Und auch sehr kurzsichtig. Nur, wenn man die Diskriminierung erkennt, kann man gegen die Diskriminierung arbeiten und Vorgehen. Es hat wohl eine Berechtigung sich gegen Missstände in sozialen Einrichtungen, Licht ins Dunkel, usw. stark zu machen, jedoch was hat das mit diesen Text zu tun? Das Eine schließt das Andere nicht aus! Ihre Kommentare lesen sich, als wären sie sehr frustriert über ihre eigene Situation. Das ist verständlich, bringt „uns“ aber um nichts weiter. Ich finde es richtig, auf die „Politische (gesellschaftliche) Unkorrektheit“ hinzuweisen. Das kann nicht oft genug sein! Dies als „ geistigen Dünnpfiff“ zu bezeichnen ist wohl erst recht diskriminierend!

    Ich habe den Text sehr gerne gelesen! Danke dafür!

    • Gut. Dann bin ich mal so nachbarschaftsbehilflich und kehre vor Ihrer Tür. Sie sind wohl nicht kurzsichtig, sonst würden Sie stattdessen vielleicht von ’nicht ganz zu ende gedacht‘ sprechen. Wenigstens bin ich in Ihren Augen nur etwas kurzsichtig und nicht komplett blind. Finde ich wesentlich diskriminierender, eine Beeinträchtigung gleichzusetzen mit einem mehr oder weniger großen Dachschaden.
      Ich bleibe also dabei – schöngeistiger Dünnpfiff.

      Es gäbe wirklich so viel Wichtigeres zu tun, wofür man sich, das gebe ich zu, weit mehr aus der Komfortzone waagen und bilden müsste als beim richtigen Gendersternchen und dem Ixten Aufgussartikel zu vermeintlich diskriminierungsfreier Sprache.

  • „Wir Menschen mit Behinderungen brauchen eine bedingungslose Identifikation mit unserer Behinderung – ein Coming-out. Und damit weg vom leidigen „trotz“ zum selbstverständlichen „mit“!“

    Schöngeistiger Dünnpfiff, den man zur Genüge kennt, vor allem aus der Gender-Studies-Ecke. Im Lockdown und Home-Office könnte sogar wirklich jemand arbeitend mit Kind sein.

    Niemand braucht sowas. Je ohnmächtiger, desto absurder und nutzloser die Forderungen.

    • Stimme voll zu! Das übliche Geschwätz, das nichts zur Beseitigung von Barrieren für Behinderte beiträgt. Oder deren Ausbeutung in Sozialeinrichtungen beendet. Oder Licht ins Dunkel in den Schamwinkel des Sozialstaates stellt.