Empfehlenswerter Ratgeber; nicht nur für Journalistinnen und Journalisten

Die Zeitschrift BEHINDERTE hat einen von der Bunten Rampe erstellten Ratgeber "Sprechen und Schreiben über Behinderung" veröffentlicht, den wir hier gerne wiedergeben:

Frau zeigt ok
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„An den Rollstuhl gefesselt“ ist vielleicht der am häufigsten verwendete unsinnige Ausdruck im Zusammenhang mit Behinderung. Es gibt aber weitere nicht so eindeutig falsche Ausdrücke. Die Grazer Beratungsstelle Bunte Rampe in Graz hat deshalb einen kleine Ratgeber für eine nichtdiskriminierende Sprache zusammengestellt, der gerade im Europäischen Jahr der Menschen mit Behinderung 2003 notwendig zu sein scheint.

Als allgemeine Bezeichnungen sind die Ausdrücke „behinderte Menschen“ oder „Menschen mit Behinderung“ im Deutschen politisch korrekt. Die englischen Entsprechungen werden in England (disabled people) und in den USA (people with disabilites) unterschiedlich bevorzugt. „Behinderte Menschen“ weist darauf hin, dass die Behinderung nicht etwas ist, das zur Person gehört, sondern der Person durch die ungünstigen sozialen Umstände widerfährt.

Dies drückt sich im Slogan: „behindert ist man nicht, sondern man wird behindert“ oder durch das Wortspiel „gehindert“ aus. Diese Verwendung entspricht somit dem sozialen Modell von Behinderung und nicht einem medizinischen! „Menschen mit Behinderung“ will ausdrücken, dass der Mensch zuerst kommt und seine Beeinträchtigung nur eines der vielen Persönlichkeitsmerkmale ist. Dies wird auch durch die Bezeichnung „people first“ für die politische Interessensvertretung der Menschen mit Lernschwierigkeiten ausgedrückt.

Wann sagt man Menschen mit Beeinträchtiungen?
Diesen Ausdruck soll man dann verwenden, wenn die Funktionseinschränkung thematisiert wird, z. B. wenn es um Mobilitätsbeeinträchtigungen, Sehbeeinträchtigungen, psychische Beeinträchtigungen, etc. geht, wenn also von Menschen mit einer (bestimmten) Beeinträchtigung die Rede ist.

Absolute „Dont `s“
Dass man nicht mehr „Krüppel“, „blödsinnig“ oder „Idiot“ sagt, dürfte sich herumgesprochen haben, aber auch andere Bezeichnungen wirken beleidigend auf viele betroffene Menschen!

  • Unbedingt zu vermeiden: „an den Rollstuhl gefesselt (oder gebunden)“
    Alternative: ist Rollstuhlfahrer, benützt einen Rollstuhl
  • Unbedingt zu vermeiden: mongoloid
    Alternative: hat das Down-Syndrom, hat Trisomie 21
  • Unbedingt zu vermeiden: taubstumm
    Alternative: ist gehörlos
  • Unbedingt zu vermeiden: Zwerg, Liliputaner
    Alternative: ist kleinwüchsig
  • Unbedingt zu vermeiden: Spastiker
    Alternative: hat Cerebralparese
  • Unbedingt zu vermeiden: Wasserkopf
    Alternative: hat einen Hydrocephalus
  • Unbedingt zu vermeiden: debil, schwachsinnig
    Alternative: Menschen mit Lernschwierigkeiten, kognitiv beeinträchtigt

Weitere problematische Ausdrücke

Patient
Behinderte Menschen sind keinesfalls immer passiv, leidend und werden behandelt, was aber dieses Wort bedeutet. Patienten sind sie nur, wenn sie Grippe haben, im Krankenhaus liegen oder sich einer Therapie unterziehen, wobei dann wieder zu wünschen ist, dass sie mündige Patienten sein können.

„Gesund“ als Gegensatz zu „behindert“
Viele behinderte Menschen sind gesund und fühlen sich auch so. Natürlich werden sich manche, deren Beeinträchtigung von einer chronischen Krankheit herrührt, auch „krank“ fühlen. Dies trifft aber nur auf einige zu! Es „leidet“ auch selten jemand an seiner Behinderung, sondern an Lebensumständen oder den Reaktionen seiner Mitmenschen.

„Normal“ als Gegensatz zu „behindert“
Was ist schon normal? „Es ist normal, verschieden zu sein“- hat schon ein deutscher Bundespräsident, Richard von Weizsäcker gesagt.

Die Behinderten
Hauptwörtlich gebraucht, wird hier eine homogene Gruppe konstruiert, die in Wirklichkeit ganz heterogen ist. Auch wird hier versteckt, dass es um Menschen geht.

Pflegefall
Dieser Ausdruck spricht in seiner generalisierenden und stigmatisierenden, auf Defizite konzentrierten Sichtweise betroffenen Menschen Lebensperspektiven ab und beraubt sie ihrer Persönlichkeit.

Alternativen: jemand benötigt Assistenz, Begleitung, Unterstützung- auch in höherem Ausmaß.

Handicap
Englische Fachausdrücke sind beliebt. Allerdings wird der Ausdruck „handicap“ in England als beleidigend erlebt. Er erinnert an „cap in the hand“, also an Betteln und wurde auch ausschließlich von den Charityorganisationen verwendet und nicht von Organisationen, die ein gleichberechtigtes Bild behinderter Menschen vermitteln wollen. Der Ausdruck wurde inzwischen auch von der WHO aus ihrer Definition von Behinderung entfernt. Deutsche Ableitungen wie „gehandicapt“ sind überdies sprachlich nicht schön!

Besondere Bedürfnisse
Ähnlich ist es mit diesem Ausdruck, er kommt vom englischen „special needs“, das dort vor etwa 25 Jahren modern war. Abgelehnt wird er nun, weil er bedeutet, dass es eine Gruppe der „Anderen“ gibt, die andere Bedürfnisse haben. In Wirklichkeit haben wir alle gleiche Grundbedürfnisse mit einer Vielzahl individueller Wüsche und Bedürfnisse. Im Zusammenhang mit barrierefreiem Design, woher dieser Ausdruck kommt, spricht man nun eher vom „universal design“, also einer Planung, die möglichst vielen individuellen Bedürfnissen entspricht.

Anforderungen an das Design und an die gebaute Umwelt ergeben sich im Lebenszyklus (z.B. Schwellenlosigkeit im Kinderwagenalter und im höheren Alter, größere Schrift für Schulanfänger und jenseits der Lebensmitte, einfache Sprache für Leseanfänger und für fremdsprachige Gäste) und nicht nur für als behindert definierte Menschen.

Man kann des Guten auch zu viel tun: übertriebene politische Korrektheit wirkt rasch peinlich!

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20 Kommentare

  • Hallo! Ich hätte da bitte eine frage .

    Wie lautet der gegensätzliche Ausdruck für „behindert“?

    • Hallo! Im Sinne von behinderte Menschen? Dann ist nicht behinderte Menschen passend.

  • Alleine das Wort „BEHINDERT“ beschreibt ja unsere Lebenssituation. Täglich müssen wir erfahren wie sehr wir behindert werden. Egal ob ich jetzt vor einen Lokal, Geschäft mit Stufen stehe oder ewig lange auf einen ULF oder V Wagen der Wr Ubahn warte ja nicht einmal einen nahe gelegenen Arzt ohne Stufen finde, Da fühle ich mich als Behindert.

  • @Yvonne Seidler: Nur zur Info. Der Artikel ist aus dem Jahr 2003.

  • Ist ja beeindruckend. Die Zeitschrift „BEHINDERTE“ erklärt uns, dass die Bezeichnung „Behinderte“ diskriminierend ist… Noch niemanden aufgefallen??

  • Das ist ja alles relativ schlüssig – nur bleibt mir verborgen, warum es weniger diskriminierend sein soll, wenn man den „bösen“ Begriff einfach in eine tote Sprache Übersetzt.

  • Lieber Ansel, der Slogan: „behindert ist man nicht, sondern man wird behindert“ trifft sehr wohl – gerade im Sinne von „Barrierefreiheies Planen, Bauen und Wohnen“, zu…

  • Sry, aber das ist Quatsch. Nur weil die Gesellschaft nett zu jemandem ist, geht die Behinderung nicht weg, das suggerit aber der Spruch, dass die gesellschaft einem behindere. Wer so einen Unsinn behauptet, hat vermutlich gar keine bbehinderung.

  • @Konstantinos Dafalias, das ist völlig korrekt. Und wie sie sagen, ist es nicht nur ein Unwort, sondern die Abhaltung dieser „Nebenolympiade“ an sich ist eine Diskriminierung.

  • Eines möchte ich hier noch anfügen:
    Das Wort „Paralympics“ und die pure Existenz dieser Veranstaltung ist eine wesentlich schlimmere Diskriminierung als jede deutsche Bezeichnung von körperlichen Beeeinträchtigungen.
    „Para“ bedeutet ja „neben“, quasi so etwas wie die Olympischen Spiele, aber doch nicht ganz, weil die Behinderten sind ja so etwas ähnliches wie Athleten, aber doch nicht ganz.

    Nur eine volle Integration der paralympischen Bewerbe in die olympischen Spiele (da gäbe es eh genug auszumisten, Fußball braucht da beispielsweise wirklich keiner) und die vollen olympischen Ehren für Sieger in allen Disziplinen sind die einzig akzeptable Lösung.

  • Dass der Umgang mit behinderten Menschen ein erhöhtes Maß an Sensibilität erfordert ist mir klar, und es ist wichtig und richtig, eindringlich und oft darauf hinzuweisen. Allerdings habe ich meine liebe Not mit der political correctness; in ihr verbirgt sich oft auch ein ungeheures Maß an Heuchelei, und nicht selten entwickelt sich unter den nicht Betroffenen ein wahrer Wettbewerb, wer in puncto politisch korrekter Ausdrucksweise auf dem allerletzten Stand ist. Mit Euphemismen lassen sich die praktischen und sozialen Probleme behinderter Menschen nicht aus der Welt schaffen. Klar, es ist ein erster Schritt zur Integration, aber es herrscht die Tendenz, das schon als ausreichend zu betrachten. Fraglich ist obendrein, ob ein Un-Wort entschärft wird, indem man es einfach in schlechtes Griechisch übersetzt. Hydrocephalus heißt wortwörtlich nichts anderes als Wasserkopf, und inwiefern Cerebralparese einfühlsamer sein soll als Spastische Lähmung, ist mir nicht klar, zumal ein medizinischer Ausdruck Cerebralparese garnicht existiert (lt. Pschyrembel).
    Weit wichtiger als politisch korrekte Wortwahl wären Ratschläge, wie man mit behinderten Menschen umgeht, wie man sich ihnen nähert und Bekanntschaft knüpft, ohne sie zu kränken. Soll man sie auf ihre Behinderung ansprechen? Soll man warten, dass sie selbst davon zu sprechen beginnen? Wie vermeidet man „Mitleids“gehabe? Wenn man einen behinderten Menschen und das Ausmaß seiner ergonomischen Einschränkungen noch nicht gut kennt – wann darf/soll/muss man Hilfestellung anbieten – oder kommentarlos leisten? Wie erkennt man, dass man Gefahr läuft, den Betroffenen zu bevormunden und seine Selbsständigkeit zu beschneiden (etwa, weil’s „so schneller/besser/leichter“ geht)? Daran krankt’s bei der Integration von Menschen mit Behinderung viel mehr als an Worten, die letztendlich nur Klumpen von Lauten sind.
    Liebe Grüße
    Lennart Lakatos

  • Vielen Dank für diese Erörterungen. Ich schreibe gerade an meiner Diplomarbeit zum Sport für Menschen mit Behinderung und bin sehr froh, mir hier Sicherheit über die „no go´s“ und die politisch korrekten Begriffe zu finden. Danke.

  • Gefällt mir insgesamt gut. Nur an den Ausdruck „Menschen mit Behinderungen“ mag ich mich nicht recht gewöhnen, weil das Wort „Menschen“ sonst eher selten ist. Geschäfte haben Kunden, Verkehrsbetriebe haben Fahrgäste, Museen und Zoos haben Besucher, Rechenzentren haben (Be-)Nutzer; all diese werden nur zu Menschen ernannt, wenn sie behindert sind. Als ob man betonen müsste, dass es dann trotzdem Menschen sind.

  • Sehr nützlicher Artikel, danke! Ich geben ihn gerade wiedermal weiter …

  • Ich weise auf mein Buch „Ich habe ein Handicap. Anregungen für Behindertenpolitik im öffentlichen und privaten Bereich“ hin. Verlag Österreich, 580 Seiten, € 39,90.

  • ich bin schon lange auf der suche nach einer unterlage wie diese. danke, ich werde sie gleich an weitere interessierte verteilen.

  • Ich wurde von einem TU-Kollegen auf diesen Artikel aufmerksam gemacht. Ich bin im PR-Bereich tätig und für mich ist es sehr wichtig, gerade zum Thema Behinderung sprachliche Untersützung zu erhalten, die mir in meinem täglichen PR-Leben wichtige Hilfestellungen gibt. Danke für den Aritkel!

  • AltenfachbetreuerInnen gleicher Gehaltsstufe verdienen laut Caritas Kollektivvertrag ca 150 Euro weniger als AltenfachbetreuerInnen die im BAGS Kollektivvertrag Orgarnisiert sind.

  • Vielen Dank für diese Liste! Ich werde sie ab nun ständig in 1-2 Exemplaren mit mir tragen, um sie Unbelehrbaren in die Hand zu drücken! Wenns wo geschrieben steht, ists vielleicht leichter zu akzeptieren … Schöne Grüße, I. Lechner-Sonnek, Landtagsklub der Grünen Steiermark