Menschen mit Psychiatrie-Erfahrung wenden sich bisher vergeblich an Stadtrat Hacker

Nach fünf Jahren vergeblichen Verhandelns wenden sich die Betroffenen/Erfahrungsexpert*innen am 7. Oktober 2021 mit einem Offenen Brief an den Wiener Gesundheitsstadtrat Peter Hacker. Bisher gab es keine Reaktionen.

Tafel mit der Aufschrift Wien
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Derzeit erarbeitet die Stadt Wien für die Jahre bis 2030 einen Plan, wie Menschen, die psychisch erkranken, gut unterstützt werden können. Doch scheinbar stehen nicht die Menschen sondern die Strukturen im Mittelpunkt.

Trotz fünf Jahre langer Mitarbeit haben Menschen mit Psychiatrie-Erfahrung keine Verbesserung in der psychiatrischen Versorgung erzielt.

Daher haben sie ihre Mitarbeit beendet und folgenden Offenen Brief an den Stadtrat geschrieben.

Offenen Brief an den Wiener Gesundheitsstadtrat Peter Hacker

Sehr geehrter Herr Stadtrat Hacker!

Da wir vor kurzem unsere Zusammenarbeit als Fokusgruppe Betroffene/Erfahrungsexpert*innen im Rahmen des Psychiatrischen und Psychosomatischen Versorgungsplans Wien 2030 (PPV) vorzeitig beendet haben, möchten wir Sie über unsere Beweggründe informieren.

Seit November 2016 haben wir unsere Anliegen als Psychiatrieerfahrene immer wieder vorgebracht, diskutiert und verschriftlicht. Besonders von Bedeutung ist für uns, dass in der Psychiatrie ein Paradigmenwechsel stattfindet, damit Menschen, die einer psychiatrischen und/oder psychosozialen Unterstützung bedürfen, individuell, ihren Bedürfnissen entsprechend geholfen wird.

Zur Umsetzung dessen bedarf es aus unserer Sicht:

  • der Anstellung von Peers in allen Bereichen der psychiatrischen und psychosozialen Versorgung,
  • der Möglichkeit, dass Patient*innen mit psychiatrischen Einrichtungen Behandlungsvereinbarungen abschließen können, die laufend den veränderten Bedürfnissen der Patient*innen angepasst werden,
  • der Gesprächsangebote in Form von offenen Dialogen (Open Dialogue), um das Umfeld der Patient*innen einzubeziehen und alle Stimmen – so auch die Stimmen der Patient*innen – gleichberechtigt zu hören, damit gemeinsam Wege gefunden werden, dass Menschen aus Krisen gestärkt hervorgehen können und keine immer wiederkehrende Psychiatrieerfahrung machen müssen und
  • der Evaluierung des Einsatzes von Sicherheitsdiensten und struktureller Gewalt in der Psychiatrie aufgrund der Erfahrungen von Psychiatrieerfahrenen.

Wir bedauern sehr, dass wir in den Diskussionen mit der Fokusgruppe Erwachsenenpsychiatrie fortwährend erlebt haben, dass bei der Umsetzung des PPV nicht inhaltliche Themen im Vordergrund stehen, sondern vorwiegend über Strukturen gesprochen wird. Gerade unser Wissen und unsere Erfahrung könnten in diesem Prozess von Fachpersonen genutzt werden, ihre Haltung zu überdenken und zu einer gemeinsamen Lösung zu gelangen.

Deswegen haben wir von Anfang an den Wunsch geäußert, als Erfahrungsexpert*innen in der Steuerungsgruppe mitwirken zu dürfen. Dies wurde mit der Begründung abgelehnt, dass ohnedies alle Arbeitsergebnisse der einzelnen Fokusgruppen zusammenfließen und in der Steuerungsgruppe berücksichtigt werden würden.

Zuletzt haben wir einen Entwurf einer Behandlungsvereinbarung der Fokusgruppe Erwachsenpsychiatrie vorgelegt und mussten feststellen, dass dieser in mehreren Diskussionen immer mehr zu einem Werkzeug umfunktioniert werden sollte, das Patient*innen zu einem bestimmten Verhalten verpflichtet, anstatt ihre Bedürfnisse zu verschriftlichen, um eine für sie passende Behandlung erhalten zu können.

Darum wenden wir uns nun an Sie mit dem Anliegen, ein Gespräch mit Ihnen führen zu dürfen, da sich aus unserer Sicht in der Praxis die Situation von Patient*innen immer mehr verschlechtert. Wir nehmen Tendenzen wahr, dass Patient*innen in Krisen immer öfter als „nicht behandelbar“ eingestuft oder in die Forensik abgeschoben werden, was die steigende Zahl an Patient*innen im Maßnahmenvollzug erkennen lässt.

Daher möchten wir mit Ihnen diskutieren, wie in Zukunft Patient*innen und Erfahrungsexpert*innen in Gremien mitwirken können, damit nicht weiter über uns hinweg, sondern mit uns die psychiatrische und psychosoziale Versorgung Wiens gestaltet wird.

Mit freundlichen Grüßen

Ehemalige Fokusgruppe Betroffene/Erfahrungsexpert*innen

Update: Das Büro des Stadtrates hat nach Erscheinen dieses Artikels das Schreiben der Betroffenen vom 7. Oktober nun am 30. November 2021 beantwortet.

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Ein Kommentar

  • Die üble Symbiose aus Behörden, denen der mündige Bürger suspekt ist, und Psychiatern, welche de jure oder de facto Entmündigungen durchführen, sollte dringend aufgebrochen werden. Es gibt inzwischen genügend Beispiele für schlechte Erfahrungen mit der Psychiatrie und ihren Menschenrechtsverletzungen, um hier Handlungsbedarf zu sehen.