Der Tod darf kein Geschäftsmodell sein

Es gehört über ein Lebensende in Würde geredet. Ein Kommentar.

Franz-Joseph Huainigg
Christian Müller

Der Kommentar von Philippe Narval im Standard am 30.11.2020 über den Suizid seines Vaters hat mich sehr berührt.

Nicht zuletzt auch deshalb, weil ein sehr guter Freund von mir in einer ganz ähnlichen Situation war und Anfang November verstorben ist. Alfred war ein lebensfroher Mensch. Dann kam die Diagnose Krebs. Nach seinem 71. Geburtstag hieß es dann Krebs im Endstadium. Austherapiert. Er war verzweifelt.

Dank Palliativmedizin hatte er trotz der vielen Metastasen, die in seinem Körper immer mächtiger wurden und ihn zunehmend schwächten, kaum Schmerzen. Er lebte zuhause, wurde von seiner Frau und durch ambulante Krankenpflege versorgt, hatte Kontakt mit allen Familienmitgliedern und Freunden und erlebte mit seinen Enkelkindern schöne Tage. In einer Patientenverfügung entschied er selbst, dass er jegliche Therapie zur Lebensverlängerung ablehnte. Eine wichtige Basis, um die Autonomie zu gewähren und den Weg des Abschieds selbst zu bestimmen.

Am letzten Tag seines Lebens konnte er noch einen Spaziergang mit seiner Familie machen. Als es ihm am Nachmittag schlechter ging, lehnte er es ab, die Rettung zu verständigen. Am Abend ist er friedlich eingeschlafen.

Philippe Narval argumentiert, dass es bei einem Todeskranken, der nicht mehr leiden will, bisher nur die Möglichkeit des aktiven Suizids oder der Verweigerung der Nahrungs- und Flüssigkeitsaufnahme besteht. Das stimmt ebenso wenig wie das Zitat im Kommentar von Präsidentin der Schweizer Sterbehilfeorganisation Exit, Marion Schafroth, wonach die Schweizer Auflagen für die Freitodbegleitung sehr hoch seien. Richtig ist, dass die Entwicklung in der Schweiz höchst problematisch ist und die Argumente der Befürworter wiederlegen.

Seit 1998 verzeichnet die Schweiz einen stetigen Anstieg assistierter Suizide von Personen mit Wohnsitz in der Schweiz. Die Zahlen haben sich dabei in den Jahren 2009 bis 2014 mehr als verdoppelt, bei in etwa gleichbleibender Zahl ‚normaler‘ Suizide. Der Tod ist in der Schweiz zum Geschäftsmodell geworden, das darf in Österreich nicht passieren.

Die rechtlichen Rahmenbedingungen in Österreich kennen heute schon einen würdevollen Umgang mit dem Leid von sterbenskranken Menschen. Unter anderem hat Professor Watzke, Leiter der Palliativmedizin im Wiener AKH, dargelegt, dass wir in Österreich Schmerztherapien zur Verfügung haben, mit denen Schmerzen am Lebensende umfassend sehr gut palliativmedizinisch behandelt werden können.

Wenn es um das Recht auf Leben geht, braucht es Klarheit für die Verhältnisse zwischen PatientInnen und ÄrztInnen, zwischen Gepflegten und Pflegenden, zwischen jenen in Not und jenen, die diese Not noch nicht erfahren haben.

Das Argument, dass hier der Autonomie des Einzelnen der Vorrang vor dem Schutz des Rechtes auf Leben zu gewähren ist, führt durch soziale oder psychische Zwänge, sogenannte rationale Argumente, bis hin zu „Kalkulationen“ von Angehörigen oder der Gesellschaft letztlich dazu, dass die Entscheidung des einzelnen keine freie mehr ist. Und durch die Auflösung des Schutzes auf Leben, müssen sich jene, die auf externe Hilfe angewiesen sind, immer mehr rechtfertigen, überhaupt noch am Leben bleiben zu wollen. 

Phillippe Narval wirft den Medien vor, die Debatte rund um die Legalisierung der Sterbebegleitung zu tabuisieren. Das Gegenteil ist der Fall. Ich habe in den letzten Wochen zahlreiche Kommentare in Zeitungen gelesen und auch der ORF hat nicht nur eine Diskussion „Im Zentrum“ dem Thema gewidmet, sondern auch viele Sendungen wie „kreuz und quer“ haben sich ausführlich mit „pro und contra“ auseinander gesetzt.

Weitaus besser als ein populistisches Publikumsvoting über ein Einzelschicksal, das vorgibt ein Volksentscheid zu sein, wie es ARD und SRG zuletzt nach der Ausstrahlung des Films „Gott“ von Ferdinand von Schirach durchgeführt haben. Wohlgemerkt ging es hier um einen lebensmüden Menschen, ohne Schmerzen, der aktive Sterbehilfe in Anspruch nehmen will. Freilich muss die Debatte weitergeführt werden. Warum nicht auch einmal als Schwerpunkt beim Forum Alpbach?

Wir müssen über ein Lebensende in Würde reden!

Aber nicht darüber, wie wir am besten töten sollen, sondern wie wir Menschen, die die Perspektive im Leben verloren haben, unter Schmerzen leiden oder vereinsamt sind helfen und zur Seite stehen können. Denn auch eine Tötung durch einen Arzt, bleibt eine Tötung! Die Aufgabe des Arztes muss es aber sein, Leben zu erhalten, Leben zu retten und ein Leben bis zuletzt ohne Schmerzen zu gewährleisten. Bekämpft die Einsamkeit, den Schmerz und die Not der Sterbenden, aber tötet sie nicht.

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6 Kommentare

  • Das Recht zu Leben schließt auch das Recht ein, nicht leben zu wollen. Genau das gehört zur Würde des Menschen. Damit hat jeder das Recht auf Hilfe bei der Selbsttötung, egal ob er jung oder alt, krank oder gesund ist. Zuvor müssen aber umfangreiche Unterstützungsmöglichkeiten angeboten werden.

    Ehrlich gesagt nervt diese regelmäßige sehr einseitige Sicht auf Hilfe zur Selbsttötung sehr. Es wird fast ausschließlich ein Kreis von Menschen herausgenommen, die auf Grund von Krankheit Sterbehilfe wünschen, weil sie das Leben unerträglich finden. Selbstverständlich muss vor jeder Sterbehilfe eine umfassende palliative Unterstützung angeboten werden. Aber dennoch wird es immer Menschen geben, die trotz Palliativmedizin sterben möchten. Denen die Hilfe zu verweigern ist unmenschlich.

    Es mag sein, dass in der Schweiz der Prozentsatz der getätigten Sterbehilfe gestiegen ist. Das heißt aber nichts anderes, dass nun nicht mehr ganz so viele Sterbewillige zu einem aus ihrer Sicht unerträglichen Leben verdammt sind.

  • Nachtrag:
    Für alle Pingelinge, natürlich heißt der Satz in meinem Kommentar:
    DAS IST MENSCHEN-U-N-WÜRDIG!!!

  • DOCH !!!
    Da gibt es jede Menge noch zu sagen und noch mehr zu tun!

    Ich lebe seit 56 Jahren mit SMA in Selbstbestimmung. Ich kenne ALLE Facetten dieser Behinderung, Tag und Nacht, 24 Stunden am Stück.
    Ich stehe gerade bei meiner 96. Einschulung, die mindestens 3 Monate dauert und extrem anstrengend ist. 1786 gefühlte neue Handgriffe bringe ich derzeit meinem neuen pA bei und dies zum 96. mal in meinem Leben.

    Welch ein Gefühl der Erleichterung, das ich seit Freitag habe! ENDLICH die Möglichkeit selbst zu bestimmen wann es genug ist. Das Leiden. Das Durchhalten. Das Aushalten. Das Kämpfen für Rechte, Assistenz, Geld, etc.
    Mein Herz brennt seit Jahrzehnten für die Hospizbewegung und ich bin und war aktives Mitglied. Habe selbst vor 27 Jahren die Ausbildung zur Sterbe- und Trauerbegleiterin gemacht. Dennoch bin ich absolut für die Sterbehilfe in Österreich. Es ist höchst an der Zeit, dass es diese Möglichkeit gibt und Menschen am Ende ihres Lebens NICHT gezwungen sind ins Ausland zu fahren, sich vor einen Zug zu werfen oder sediert zu werden, um ihr Leid zu tragen. Das ist Menschenwürdig.

    ICH WILL SELBST BESTIMMEN, IN WÜRDE, IN KLARHEIT und mit MÖGLICHKEITEN, WANN ES GENUG IST!!!
    Ich bin keinesfalls depressiv und fast immer ein positiver Mensch. Ich bin reflektiert und habe mein Leben in der Hand. So will ich auch meinen Tod selbst verfügen.
    Ich habe mein Leben in aller Buntheit gelebt und überwiegend genossen. Gelacht, geliebt, gefreut, geweint!
    Ich wage zu sagen es war ein erfülltes Leben. Ich konnte alle meine persönlichen Ziele erreichen! Wer kann das von sich sagen?

    Seit Freitag nun habe ich eine Sorge weniger. Mir fällt ein schwerer Stein vom Herzen, denn ich weiß, dass ich einen Ausweg habe, wenn ich ihn möchte.
    Das erfüllt mich mit großer Erleichterung und befreit mich von der Qual etwas „Schlimmes“ Verbotenes tun zu müssen.
    So kann ich meine restliche Lebenszeit gleich noch besser genießen!

    Für alle Zweifler ein Filmtipp: „Das Meer in mir“ 2004

    DSA Andrea Mielke
    Aktivistin der Selbstbestimmt Leben Bewegung Österreich
    Expertin & Anwenderin von persönlicher Assistenz

    • Danke, Andrea Mielke, für diese sehr klaren Worte.

  • Franz-Josef Huainigg‘ s Kommentar ist überzeugend!

  • Da gibt es nichts mehr hinzuzufügen, danke Franz-Joseph!