Victoria und Bill Bruckner sind maßgeblich am Erfolg der Peer-Beratung in Österreich beteiligt

BIZEPS feiert im März 2022 30 Jahre Peer-Beratung. Diese Erfolgsgeschichte ist nicht vorstellbar, ohne unsere Aus- und Weiterbildungen durch Victoria und Bill Bruckner aus den USA.

Magdalena und Bill Brucker beim Peer-Counseling Schulung 2015
BIZEPS

BIZEPS befragte die beiden Peer-Counseling TrainerInnen aus San Francisco zu ihrer Motivation, ihrer Arbeit und ihren Gedanken über die Gründe für den Erfolg von Peer-Counseling (hierzulande besser bekannt als Peer-Beratung).

Diese Erfolgsgeschichte von BIZEPS ist nicht vorstellbar, ohne unsere Aus- und Weiterbildungen durch Victoria und Bill Bruckner.

Unsere Interviewserie mit früheren und aktuellen Peer-Beraterinnen und Peer-Beratern von BIZEPS wäre unvollständig ohne ihren Beitrag. Deshalb ist es uns eine große Freude, dass sie sich die Zeit genommen haben, ein schriftliches Interview mit uns zu führen!

Interview mit Victoria und Bill Bruckner

Victoria und Bill Bruckner
Victoria und Bill Bruckner

BIZEPS: Zu Beginn möchten wir Sie bitten, sich selbst kurz vorzustellen, für diejenigen, die nicht die Gelegenheit hatten, Sie persönlich kennenzulernen.

Victoria Bruckner (VB): Ich wurde 1951 mit cerebraler Lähmung in New York City geboren. Meine Familie war multikulturell. Ich bin in Los Angeles aufgewachsen und in eine Sonderschule für behinderte Kinder gegangen.

Bevor ich 14 wurde, habe ich meinen Weg in eine High School für nicht-behinderte Kinder geschafft. Anschließend besuchte ich vier Jahre lang die Universität. Diese Erfahrungen sammelte ich in einer Zeit, in der fast alles in den USA nicht barrierefrei war.

Bill Bruckner (BB): Ich wurde 1950 geboren und habe seit meiner Geburt eine Behinderung der Arme und Hände. Ich war sieben Jahre lang Lehrer, bevor ich in der Behindertenrechtsbewegung der USA aktiv wurde.

1981 ging ich nach Berkeley und für die nächsten elf Jahre arbeitete ich in drei Zentren für Selbstbestimmtes Leben. 1991 begannen Victoria und ich, als TrainerInnen in den USA und Europa zu arbeiten.

BIZEPS: Wie kamen Sie zum Peer-Counseling?

VB: Ich ging 1973 nach Berkeley, um ein Studium der vergleichenden Literaturwissenschaft zu beginnen. Obwohl ich bald begann, stattdessen Soziale Arbeit zu studieren, dauerte es weitere fünf Jahre, bis ich mich der Behindertenrechtsbewegung anschloss.

Während dieser fünf Jahre lernte ich Peer-Counseling kennen und wandte es in drei unterschiedlichen Umfeldern an: in einem Studierendenzentrum an der Universität, in einem feministischen Frauengesundheitszentrum und in einem Selbstbestimmt Leben Zentrum, alle in Berkeley. Im Selbstbestimmt Leben Zentrum lernte ich mehr über Behinderungen, als ich je in meinem ganzen Leben erfahren habe. Wir sind tatsächlich die Expertinnen und Experten über das Leben mit unserer eigenen Behinderung.

Bill Bruckner
Bill Bruckner

BB: Als ich nach Berkeley kam, nahm ich an einem Trainingskurs für Peer-Beraterinnen und Peer-Berater teil und dann bekam ich eine Stelle als Peer-Berater im Zentrum für Selbstbestimmtes Leben in Berkeley. 

Zwischen 1981 und 1992 arbeitete ich als Peer-Berater und bildete viele andere Amerikanerinnen und Amerikaner zu Peer-Beraterinnen und Peer-Beratern aus.

BIZEPS: Was sind die Schlüsselfaktoren für den Erfolg von Peer-Counseling?

VB: Zuallererst, wenn Sie einmal gelernt haben, wie man zuhört, denken Sie daran: Wann immer Sie verunsichert sind, was zu tun wäre, bleiben Sie dabei zuzuhören.

Zweitens: Geben Sie auf sich selbst acht. Während Sie der anderen Person mit Ihrer Aufmerksamkeit sehr nahe sind, behalten Sie ein kleines Stück Ihrer Aufmerksamkeit für sich selbst zurück, um es für den Umgang mit Ihren Gefühlen und Reaktionen nutzen zu können. Es ist normalerweise schwierig, aber immer notwendig, unvoreingenommen zu bleiben.

Drittens: Kennen Sie Ihre eigenen Grenzen. Wenn eine Peer-Counseling-Situation zu schwierig wird, um damit zurecht zu kommen oder Sie zu sehr aufwühlt, suchen Sie Hilfe.

BIZEPS: Was sind die Vorteile?

VB: Die wichtigsten Vorteile, die Peer-Beraterinnen und Peer-Berater haben, sind: geteilte Lebenserfahrung über Schwierigkeiten und Herausforderungen, mit denen die meisten Menschen mit Behinderungen konfrontiert sind; Offenheit hinsichtlich der Entscheidungen, die die jeweilige Person getroffen hat, um diesen Herausforderungen zu begegnen und die Fähigkeit, das zu glauben, was diese Person uns berichtet.

BIZEPS: Wie oft sind Sie nach Europa gereist und können Sie schätzen, wie viele Personen Sie unterrichtet haben?

BB: Zwischen 1991 und 2015 arbeiteten wir 13 mal in Europa. Während jeder dieser Reisen waren wir zweieinhalb Monate außerhalb der USA unterwegs. Wir schätzen, dass wir ungefähr 40 Peer-Counseling-Kurse in sieben Ländern in Europa abgehalten haben und damit ungefähr 500 unterschiedliche Personen ausgebildet haben.

Peer Counseling SchulungsteilnehmerInnen 2015
WAG

BIZEPS: Was war Ihre Motivation für diese viele Arbeit?

VB: Peer-Counseling ist eine erstaunliche Möglichkeit, andere Personen dabei zu unterstützen, ihre Stärken und Fähigkeiten zu entwickeln und dadurch zu wachsen. Diese zeigen sich dann oft in einem strahlenden Gesicht und Enthusiasmus – die andere Person entdeckt ihre eigene Stärke.

Ich liebe diesen Teil der Arbeit, es ist das Beste, was ich anderen Menschen anbieten kann! Mein Interesse an kulturellen Unterschieden war ein Anreiz, Peer-Counseling in anderen Ländern zu unterrichten.

BB: Eine weitere Motivation und eine besondere Belohnung ist es, zu beobachten, wie die Menschen, die wir unterrichtet haben, mehr und mehr Fähigkeiten erlernen. Viele Leute von BIZEPS und der WAG Assistenzgenossenschaft waren über viele Jahre in unseren Kursen. Es war immer eine große Freude, zu sehen, wie Sie alle aufgeblüht sind!

BIZEPS: Woran erinnern Sie sich am liebsten?

VB und BB: Unsere allerliebste Erinnerung ist jene an unseren ersten Peer-Counseling-Kurs in Österreich. Er fand 1995 an der Universität Salzburg statt. Menschen aus ganz Österreich und auch aus Bayern nahmen an diesem Kurs teil. Die Universität ist ein unglaublich schöner Rahmen. Die Dynamik dieses Kurses und die Rahmenbedingungen waren außergewöhnlich.

Wir unterrichteten so viel und wir lernten so viel. Es war prägend für viele Menschen und es war der Beginn unserer Arbeit in Österreich, die 20 Jahre lang anhielt.

BIZEPS: Was würden Sie jungen Menschen mit Behinderungen sagen, die sich überlegen, Peer-Beraterinnen oder Peer-Berater zu werden?

Peer Counseling Seminar mit Bruckner 2015
BIZEPS

VB: Erstens absolvieren Sie einen Kurs, um die grundlegenden Fähigkeiten des Peer-Counseling zu erlernen und dann üben Sie, diese Fähigkeiten mit Menschen einzusetzen, denen Sie am nächsten sind, und auch mit einigen Leuten, von denen Sie denken, dass sie Einfluss auf Ihr Leben haben.

Wenn Sie diese Fähigkeiten gerne anwenden, machen Sie weiter, indem Sie weiterführende Kurse besuchen und sie in einer Selbstvertretungsorganisation wie BIZEPS, WAG usw. anwenden.

BIZEPS: Welche Voraussetzungen sind nützlich für diese Arbeit?

BB und VB: Seien Sie willens, sich anzustrengen, um die Fähigkeiten des aktiven Zuhörens zu lernen und anzuwenden. Das ist der Weg, um zu zeigen, dass Sie genau zuhören und Einfühlungsvermögen haben.

Durch genaues Zuhören und das Stellen passender Fragen können Sie die andere Person dabei unterstützen, Einsichten in ihre eigene Situation zu gewinnen. Oft findet sie dadurch Wege heraus, die sie nehmen möchte.

Sinn für Humor zu haben, Toleranz gegenüber menschlichen Eigenheiten und Platz für Mitgefühl, einschließlich Mitgefühl für sich selbst, sind ebenso wichtig, um Ihre eigene psychische Gesundheit zu erhalten, wenn Sie Peer-Counseling anwenden.

BIZEPS: Eine der schwierigsten Seiten des Peer-Counseling ist es, nicht die Verantwortung für die Probleme anderer Leute zu übernehmen. Könnten Sie uns erzählen, wie Sie persönlich mit emotionalen Situationen umgehen? Womit haben Sie gute Erfahrungen gesammelt?

Victoria Bruckner
Victoria Bruckner

VB: Die wichtigste Frage, die Sie sich selbst stellen müssen, wenn Sie über die Probleme anderer Personen nachdenken, ist: „Welcher Teil von dieser Situation ist in meiner Verantwortung?“ Wenn Sie ehrlich zu sich selbst sind, ist die Antwort: „Keiner.“

Die andere Person wird vielleicht Entscheidungen zu treffen haben, über das, was zu tun ist. Sie wird vielleicht Handlungen auszuführen haben. Möglicherweise braucht sie Ihre Unterstützung dabei, aber die Entscheidung ist ihre!

Sie sind möglicherweise direkt verantwortlich dafür, ihr mit der Bereitstellung nützlicher, genauer Information zu assistieren: ihr zu helfen, den Kontakt zu zuständigen Personen herzustellen, die ihr dann Services anbieten können oder ihr helfen können, Persönliche Assistenz zu finden.

BIZEPS: Danke, dass Sie sich Zeit genommen haben, unsere Fragen zu beantworten. Wir erinnern uns immer noch gerne an die stärkenden Kurse und ihren Humor. So hoffen wir, dass die Erfolgsgeschichte von Peer-Counseling andauert und wir in Kontakt bleiben.

VB und BB: Es ist uns eine Freude, BIZEPS zu 30 Jahren Peer-Counseling zu gratulieren!

30 Jahre Peer Beratung bei BIZEPS - Menschen mit unterschiedlichen Behinderungen halten diesen Text hoch
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