Seit 25 Jahren ist in den Niederlanden die aktive Sterbehilfe möglich – die Folgen sind erschreckend

Seit 9. Februar 1993 ist aktive Sterbehilfe in den Niederlanden möglich. Zuerst wurde ein kontrolliertes Meldeverfahren eingeführt; nach einigen Jahren ein eigenes Gesetz dafür beschlossen. Was können wir aus diesem Fehler lernen? Ein Kommentar.

Flagge Niederlande
Bandera de los Países Bajos von Elentir / CC BY-SA 2.0

„Als erster Staat Europas erlassen die Niederlande ein Gesetz, das den Weg zu aktiver Sterbehilfe frei macht. Belgien und Luxemburg folgen. Bis heute gehören die Beneluxstaaten zu den wenigen Ländern weltweit, in denen Sterbehilfe grundsätzlich möglich ist“, berichtete der WDR kürzlich über die Anfänge einer verhängnisvollen Entwicklung mitten in Europa.

Lange wurde in den Niederlanden diskutiert und schlussendlich zuerst ein Meldeverfahren für Sterbehilfefälle eingeführt und dann Jahre später eine Straffreiheit festgeschrieben.

Doch sehr schnell wurde klar, dass hier eine Türe geöffnet worden war. Zuerst meinte man: Es geht um ein Selbstbestimmungsrecht. Nach Überprüfungen zeigte sich schnell: Es gibt auch Tötungen ohne Einwilligungen.

Wie viele Menschen betrifft aktive Sterbehilfe in den Niederlanden?

Alleine von 2016 auf 2017 explodierten die Zahlen: Plus 38 % – das sind mehr als 6.000 Personen pro Jahr. (Siehe Bericht)

Professor Theo Boer, einer der wichtigsten Ethiker und Vertreter der skeptischen Linie in den Niederlanden, warnt vor einem besorgniserregenden Trend: „Am Anfang handelte es sich bei 98 Prozent um sterbenskranke Menschen mit wenigen verbleibenden Lebenstagen. Diese Zahl ist mittlerweile geschrumpft auf 70 Prozent.“  (Und immer mehr Gruppen ohne aktiver Einwilligung werden einbezogen.)

„Wir winken heute Fälle durch, die wir noch vor einigen Jahren nicht gestattet hätten“, hat schon 2015 der Vorsitzende der nationalen Sterbehilfe-Kommission in Belgien, Wim Distelmans, gewarnt. Besonders umstritten ist das Thema bei Demenzkranken, berichtet auch die Wiener Zeitung.

Anzahl Sterbehilfe Niederlande / 2007: 2.123, 2008: 2.331, 2009: 2.636, 2010: 3.136, 2011: 3.696, 2012: 4.188, 2013: 4.829, 2014: 5.306, 2015: 5.516, 2016: 6.092
BIZEPS

Auch das deutsche Ärzteblatt berichtet über diese alarmierende Entwicklung: „Aus Protest gegen die hohe Zahl von Demenzpatienten, die in den Niederlanden durch aktive Sterbehilfe getötet werden, ist eine für die Kontrolle dieser Methode zuständige Medizinethikerin zurückgetreten. Sie könne den ‚deutlichen Wandel‘ in der Auslegung der Sterbehilfegesetze hin zu tödlichen Injektionen für Menschen mit Altersdemenz nicht mittragen, begründete Berna van Baarsen ihren Schritt.“

Die Dämme brechen

„Die Dämme brechen“, beklagten schon vor einem Jahr 200 niederländische Ärzte in einer gemeinsamen Erklärung. „Unsere moralische Abneigung, das Leben eines wehrlosen Menschen zu beenden, ist groß“, heißt es darin.

Zusätzlich gibt es Bestrebungen, sogar die dürftigen Kontrollen durch Ärztinnen und Ärzte noch zurückzudrängen.

Die aktive Sterbehilfe in den Niederlanden ist ein klassisches Beispiel dafür, dass man aus Fehlern lernen sollte. Es ist daher meiner Meinung nach gut, dass es in Österreich ein striktes Verbot der aktiven Sterbehilfe gibt.

Hier beginnt der Werbebereich Hier endet der Werbebereich
Hier beginnt der Werbebereich Hier endet der Werbebereich

Hinterlassen Sie einen Kommentar

Pflichtfelder sind mit * markiert

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.

8 Kommentare

  • Sind bei dieser Anzahl (2016: 6.092 Personen) auch die „Sterbehilfe-Touristen“ dabei?
    Aus der Schweiz weiß man ja, dass viele Leute aus anderen Ländern kommen, um Sterbehilfe in Anspruch zu nehmen.

    • @ Thomas:
      Es gibt in den Niederlanden keinen mit der Schweiz vergleichbaren Sterbehilfe-Tourismus. Denn bis dato können eigentlich nur Menschen, die auch in den Niederlanden wohnen, eine „Sterbehilfe“ beantragen.

  • … ich habe mir die Kommentare hier sehr aufmerksam durch gelesen.
    Mir fehlt hier etwas : die Sichtweise eines „Betroffenen“ !
    Ich bin unheilbar an einer Nervenkrankheit erkrankt, bei der unter anderem auch die „Ansteuerung“ meiner Muskeln im Laufe der Zeit nachlassen wird ……
    Fakt ist eines : ich möchte „am Ende“ nicht nur noch da liegen, völlig auf fremde Hilfe angewiesen sein, unfähig, mich selbst zu bewegen und am Ende dann um jeden Atemzug ringend dahin siechen, um darauf zu warten, wann denn nun mein Herz aufhört zu schlagen oder mein Zwerchfell keine Kraft mehr hat für den nächsten Atemzug, während sämptliche Schließmuskel keine Kraft mehr haben, verschiedene Inhalte bei mir zu halten ….
    Ist das dieses selbstbestimmte Leben, von dem hier alle reden ????
    Gerade hier in Deutschland möchte ich auf keinen Fall in diesem Zustand und bei DER Pflege im Krankenhaus oder Pflegeheim dahin siechen und deshalb bin ich froh, daß es in Europa noch Länder gibt, wo ich genau dieses selbstbestimmte menschenwürdige Ende finden kann !!!
    Klar, es gibt überall „schwarze Schaafe“, aber bei solchen Diskussionen sollte man immer(!) beide Seiten betrachten …….
    Gruß Ronald

    • @ Ronald:
      Ich habe selbst zwei chronisch fortschreitende neurologische Erkrankungen und bin schon seit Jahren auf den Rollstuhl angewiesen. Habe darüber hinaus mit starken Schmerzen und gravierenden Nebenwirkungen von Medikamenten zu kämpfen. Die Aussicht auf weitere mögliche Szenarien und die Unsicherheit, was genau wann eintreten wird, war und ist zwischendurch auch noch immer nicht so leicht auszuhalten.

      Doch irgendwann habe ich beschlossen, mich auf das Leben hier und heute zu konzentrieren und habe positive Erfahrungen gemacht, dass es zwischendurch immer wieder ein bisschen Lebensqualität gibt. Angst vor Pflegeheim & Co kann ich natürlich sehr gut nachvollziehen. Doch ich meine, wir müssen versuchen, die unwürdigen Zustände in „totalen Institutionen“ zu verbessern bzw. ein selbstbestimmtes Leben mit z.B. Persönlicher Assistenz für Betroffene möglich zu machen. Sie sollen solange wie möglich selbst entscheiden, wo sie mit wem wohnen und ihren Alltag verbringen möchten.

      Und schließlich finde ich, man hat auch eine Mitverantwortung in der Gesellschaft, in der man lebt. Keiner ist eine Insel für sich selbst. Wenn ich etwas tue oder nicht tue, beides hat Auswirkungen auf meine Familie, mein Umfeld, die Gesellschaft. Es gibt in Deutschland und Österreich gute Palliativeinrichtungen und -Ärzte, die Symptome am Ende des Lebens gut managen können. Deshalb ist es wichtig, diesen Bereich sowie (mobile) Hospize auszubauen.

      Wohin eine Liberalisierung der „Sterbehilfe“ führt, sehen wir ja leider sehr gut anhand der Entwicklung in den Niederlanden. Die Fälle steigen und steigen und das prägt natürlich auch eine Gesellschaft. Es wird noch einfacher, alten, behinderten oder chronisch kranken Menschen den Lebenswert abzusprechen. Der sich bei uns verankerte Neoliberalismus und Selbstoptimierungswahn verstärken den Druck auf die Menschen. Das Konzept eines „selbstbestimmten Sterbens“ ist jedoch eine reine Illusion.

  • Die Diskussion um die „Sterbehilfe“ ist eigentlich nur die zynische, aber logische Konsequenz aus den immer wieder forcierten Diskussionen in einer auf Leistung fixierten Gesellschaft. Diskussionen um teure und schlechte Versorgung in Krankenhäusern und Pflegeheim, in den Diskussionen um den demografischen Wandel, die Wirtschaftskrise, die Altersarmut und die sinkenden Renten.
    Als Mutter einer schwerstbehinderten Tochter bekomme ich immer etwas Bauchschmerzen, wenn das Recht auf den „selbst“(?) bestimmten Tod und die Sterbehilfe zu Zeiten einer bewussten und gewollten Verknappung finanzieller Mittel so stark propagiert wird.
    Das „Recht“ auf den eigenen Tod könnte so irgendwann zur inoffziellen bzw. empfundenen Pflicht werden …
    Und was passiert mit den Menschen, die nicht für sich selbst sprechen können? Wird es dann ein (ärztliches oder gerichtliches) Gremium zur „Entscheidungsfindung“ geben? Wird dieses Gremium beschließen können, dass dieser Mensch „so“ ganz bestimmt nicht leben will? Wer setzt da wo und warum die Grenze?
    „[…] An die Stelle der anfangs als ethische Begründung dienenden Selbstbestimmung des Patienten sei das – von individueller Willkür nicht freie – ärztliche Mitleid getreten. Allein die gesetzlich gegebene Möglichkeit, das Leben eines leidenden Menschen vorzeitig zu beenden, habe zu einem Bewusstseinswandel geführt, der das auf Lebenserhalt gerichtete Tun der Ärzte ebenso beeinträchtige wie die Bereitschaft der Menschen, die Belastungen durch schwer kranke oder behinderte Mitbürger hinzunehmen und mitzutragen. […] “ (aus der Rezension des lesenswerten Buches „Das ist doch kein Leben mehr“ von Gerbert van Loenen
    Quelle: https://www.socialnet.de/rezensionen/16859.php

  • Ich finde es auch gut, dass es in Österreich keine aktive Sterbehilfe und keinen ärztlich assistierten Suizid gibt. Deswegen gibt es bei uns auch die ganzen Nebenwirkungen wie Mord, Tötung auf Verlangen und Suizidbeihilfe nicht. Wir können uns da echt glücklich schätzen, dass in diesem Land alles Menschenmögliche für unser Wohlergehen unternommen wird.

    • Ja, es gibt in Österreich vom Gesetz her keine aktive Sterbehilfe und keinen ärztlichen Suizid. Das ist sehr gut so! Und wir alle sind aufgerufen, dafür zu sorgen, dass das auch so bleibt. Denn leider geht der Trend in vielen Ländern ganz in diese Richtung und ökonomischer Druck durch den Neoliberalismus und die Wahnvorstellung vom „Neuen Menschen“unterstützen diese Unheil bringende Entwicklung.
      Zu Österreich: Was es aber sehr wohl gibt, sind Graubereiche (z.B. „sollen wir ihrem 91jährigen dementen Mann wirklich noch Antibiotika für seine akute Infektion geben?“). Und natürlich kommen auch Morde (z.B. Patiententötungen im KH Lainz 1983-1989), Tötung auf Verlangen und Beihilfe zum Selbstmord vor. Deshalb heißt es wachsam sein und auf vulnerable Personen besonders hinschauen. Leider sind ja aus Kostengründen die Autopsien verglichen mit früher stark zurück gegangen. D.h. es wird auch eine entsprechende Dunkelziffer geben. Zum Thema siehe auch Blog & Twitter: uebersleben.net
      Dass in unserem Land „alles Menschenmögliche für unser Wohlergehen unternommen wird“, dem würde ich auch nicht unbedingt zustimmen. Es gibt genug „Randgruppen“, denen z.B. nur eine medizinische Basisversorgung offen steht. Und auf die Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention warten behinderte Menschen immer noch. Und diese wäre sehr wohl „menschenmöglich“.

  • Lieber Martin Ladstätter,

    Auch ich bin froh das die Sterbehilfe bei uns verboten ist. Befürchte allerdings das dies nicht mehr lange so ist. Alleine aus den Spargedanken der Neuen Regierung, ist doch die Überlegung Pflegebedürftigen und behinderten Menschen, eine Sterbehilfe angetragen werden könnte. Ich jedenfalls befürchte schlimmes.