Laudatio auf Herbert Pichler zur Verleihung des Dr. Elisabeth Wundsam-Hartig Preises 2022

Am Samstag, den 17. September 2022 um 11 Uhr wurde der Dr. Elisabeth Wundsam-Hartig Preis für selbstbestimmtes Leben zum 9. Mal vergeben.

Herbert Pichler gewinnt den Dr. Elisabeth Wundsam-Hartig Preis 2022
BIZEPS

Herbert, ich darf heute die Laudatio auf dich halten. Und wieder einmal wünsche ich mir gerade in diesem Moment so sehr, dass du jetzt da bist.

Servus, ich bin der Herbert, hast du alle begrüßt, die du zum ersten Mal getroffen hast.

Deswegen, servus, ich bin die Roswitha.

Ich wünschte, dass du jetzt da bist. Wobei, du redest soooo gerne viel und lang und vielleicht würdest du mich auch unterbrechen und die Laudatio auf dich selber halten wollen. Dann würde die Laudatio länger dauern.

Herbert, du warst seit Jahrzehnten ein ganz wichtiger Teil der Selbstbestimmt-Leben-Bewegung. Auch in der Selbstbestimmt-Leben-Bewegung warst du immer der streitbare Geist. Dennoch lag dir nichts mehr am Herzen, als die Rechte von Menschen mit Behinderungen, als die Selbstbestimmung von Menschen mit Behinderungen.

Dein Rezept für die Durchsetzung unserer Rechte war die Vernetzung. Und die gelang dir am besten als Multifunktionär. Du warst nicht nur ein wesentliches Mitglied der Selbstbestimmt-Leben-Bewegung, sondern auch Präsident des Österreichischen Behindertenrats (ÖBR), Leiter des Chancen Nutzen Büros im ÖGB, Präsident des Österreichischen Zivilinvalidenverbandes, Vorsitzender der Wiener Interessensvertretung von Menschen mit Behinderungen, Vorstand im Dabei-Austria, sowie Mitglied der Wiener Monitoringstelle.

Bis einige Jahre vor deinem Tod warst du auch Funktionär der WAG. Und auch wir beide hatten unsere Kämpfe. Und ich bin soo froh, dass wir danach wieder zurückgefunden haben, zu unserer sehr engen Freundschaft.

Wahrscheinlich habe ich jetzt noch einige Funktionen vergessen.

Bevor du Präsident des Österreichischen Behindertenrats warst, wolltest du immer Sozialminister sein. Später hast du dann gesagt: als Präsident des ÖBR kann ich für Menschen mit Behinderungen viel mehr durchsetzen, als ich als Sozialminister durchsetzen könnte. Also bin ich lieber Präsident des ÖBR.

Es ging dir also nie um deine Funktionen. Sie waren immer Mittel zum Zweck. Sie dienten immer der Durchsetzung unserer Rechte als Menschen mit Behinderungen.

Einige deiner letzten Erfolge betreffen zum Beispiel die Partizipation von Menschen mit Behinderungen – oft hast du unsere Einbindung eingefordert – , weiters das Inklusionspaket 2017, die Verhinderung der Verschlechterungen beim Bezug der erhöhten Familienbeihilfe, die Verhinderung von Verschlechterungen bei der Mindestsicherung für behinderte Wiener:innen …

Es ging sehr oft um die Verhinderung von Verschlechterungen und bei vielen deiner Erfolge stand nicht dein Name drauf. Es gab sie durch die vielen Gespräche und Verhandlungen, die du mit Zähigkeit, aber auch mit Authentizität und Humor geführt hast.

Oft ging es auch darum, Bewusstsein zu schaffen, Vertrauen aufzubauen und durch Gespräche Gegner:innen zu Unterstützer:innen in der Sache zu machen.

Bewusstsein schaffen, von ganz vorne alles erklären. Ich persönlich habe dafür ja wenig Geduld. Aber du hast immer wieder gezeigt: das ist wichtig, damit aus Gegner:innen Unterstützer:innen werden können.

Ich wünsche auch der Selbstbestimmt-Leben-Bewegung mehr Mut zur Vernetzung und mehr Mut zur Offenheit. Auch außerhalb der Selbstbestimmt-Leben-Bewegung, auch unter nichtbehinderten Menschen gibt es Menschen, die die Durchsetzung unserer Rechte unterstützen. Mit ihnen gemeinsam sind wir stärker als ohne sie.

Das sehen wir auch bei der heutigen Preisverleihung.

Ein großer Teil deines Erfolges lag in deiner Person.

In der Arbeit wie auch privat denke ich mir oft: „Was würdest du dazu sagen?“

Herbert, was würdest du dazu sagen, dass wir immer noch um unsere Partizipation kämpfen müssen? Du würdest sagen: „Lasst euch das nicht gefallen, bleibt hartnäckig!“

Was würdest du sagen, zu dem im Juli 2022 beschlossenen Nationalen Aktionsplan? Du würdest sagen: „Frechheit, wehrt euch!“

Was würdest du dazu sagen, dass es jetzt den Herbert Pichler-Medienpreis des ORF gibt? Du würdest sagen: „Wow, nicht schlecht.“

Was würdest du dazu sagen, dass wir am 28 September, organisiert vom ÖBR, österreichweit auf die Straße gehen? Du würdest sagen: „Super, endlich!!“

Was würdest du dazu sagen, dass du den Wundsam-Hartig Preis bekommst: Ich weiß nicht, aber vielleicht würde es dir aus Freude sogar die Sprache verschlagen.

Fußball war deine Leidenschaft.

Was würdest du dazu sagen, dass Niko Karner jetzt jährlich den Herbert-Pichler-Cup organisiert: Du würdest sagen: „Wow, danke Niko. Gebt ihm das Preisgeld, ich brauche es nicht mehr.“

Herbert, wir werden nicht still sein, sondern laut, das verspreche ich dir.

Roswitha Schachinger hält Laudatio auf Herbert Pichler
BIZEPS

Herbert Pichler ist einer der heurigen Preisträger:innen des Dr. Elisabeth Wundsam-Hartig Preis für selbstbestimmtes Leben. Da Herbert Pichler verstorben ist, übernahm Nikolas Karner den Preis.

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3 Kommentare

  • Schön, dass es einen Preis für selbstbestimmtes Leben gibt!
    Da ich in den Heimen und verschiedenen Pflegeplätzen aufwuchs, wurden meine
    Bedürfnisse niemals geachtet und ich wurde zu einer Lehrlingsausbildung gezwungen,
    obwohl ich viel lieber weiter in die Schule gehen wollte. Daraus entwickelte sich bei
    mir eine Krise. Ich weigerte mich als Lehrling zur Arbeit zu gehen und schwänzte.
    Niemals wurde ich gefragt, warum ich das machte. Mir wurden weitere Lehrlingstellen
    angeboten und ich verlor jedes Mal wieder die Stelle. In geistiger Not beschäftigte ich mich als Jugendlicher mit Schach. Ganz besonders mit der Schachkomposition und komponierte wie besessen Schachprobleme und Schachstudien. Ich tat dies, weil mich die Lehrlingsstellen geistig so wenig bieteten. Schließlich wurde ich als Jugendlicher im Kolpinghaus in der Stadt Salzburg zurückgelassen. Ich hatte keine Freunde, oder Bekannte im Kolpinghaus und hatte kein Geld um mir Essen zu kaufen. Wochenlang hungerte ich im Kolpinghaus. Niemand kümmerte sich um mich. Keine Eltern, keine Freunden, niemand.

  • Liebe Roswitha, niemand hätte berührendere und bessere Worte finden können um Herbert zu würdigen! Ich danke dir sehr dafür!

  • Sehr berührende und sehr passende Worte!